Aufgabe II

Interpretieren Sie den Romanausschnitt "Sieg auf der ganzen Linie" bis "Adjes Minna". (S. 29 - 32)

Ordnen Sie ihn in den Romanzusammenhang ein.


Der vorliegende Textauschnitt ist dem ersten Buch des Romans "Berlin Alsexanderplatz" (1928) entnommen. Der Autor dieses Romans, Alfred Döblin, erzählt die Geschichte des Transportarbeiters Franz Biberkopf, der nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis ein anständiges Leben anstrebt. Doch er beginnt mit einem naiven und lebensfernen Grundsatz und muß erst drei schwere Schläge verarbeiten, bevor es ihm möglich ist, ein anständiges Leben zu führen. Die Figur Biberkopfs ist eine Demonstrationsfigur, an der Döblin exemplarisch menschliche Elementarsituationen darstellt, die er jedoch durch den spezifischen Kontext der Stadt Berlin anreichert und so den Gegensatz und zugleich das Zusammenspiel von Individuum und Kollektiv deutlich macht.

Die zu bearbeitende Textstelle behandelt Biberkopfs erfolgreichen Versuch, nach mehreren gescheiterten Anläufen, sein altes Selbstvertrauen wiederzugewinnen und seine männliche Potenz unter Beweis zu stellen. Daß er dabei schon zu Anfang seinen Grundsatz, anständig zu werden, aufgibt, wenn er Minna Vergewaltigung, wird Biberkopf nicht bewußt. Auch wenn der Inhalt dieser Textstelle, die Vergewaltigung Minnas durch Franz, schnell erzählt ist, wird damit nur ein Bruchteil dessen zum Ausdruck gebracht, was sich wirklich abspielt: Wie aus Döblins Vorwegnahmen des bloßen Inhalts am Anfang der einzelnen Bücher deutlich wird, ist er prozessorientiert und nicht zielorientiert eingestellt; Döblin betont das "wie" und nicht das "was". Deshlab ist es wichtig, den Text auf all jene literarischen Stilmittel und Elemente hin zu untersuchen, die sich Alfred Döblin bei der Entwicklung seiner Romanpoetik zu eigen gemacht hat. Einige Merkmale seines Stils sind der sog. "Kinostil", verschiedenartige Motiv-Verquickungen, Stilbrüche etc..

Vieler dieser Besonderheiten sind in der vorliegenden Textstelle zu finden, die sich aufgrund der vielen Einschübe nur schwer gliedern läßt. Möglich ist die grobe Dreigliederung der Textstelle:

Im ersten Teil, der den ersten Absatz umfaßt, wird Biberkopfs Haltung gegenüber seiner Straftat gezeigt. Nachdem der Erzähler kurz und sachlich, jedoch nicht ohne in dem Einschub "der dritte Tag" eine Anspielung auf die Genesis fallenzulassen, die äußeren Gegebenheiten ("Und wie Mittwoch ist", "zieht er sich einen Rock an" (S. 29)) geschildert hat, beginnt übergangslos der innere Monolog Biberkopfs. Es wird deutlich, daß er seine eigene Schuld nicht einsieht und sich sogar zum Opfer stilisiert, indem er dem eigentlichen Opfer, Ida, die Schuld an allem gibt. In den kurzen, asyndetisch aneinander gereihten Sätzen zeigt sich Biberkopfs naiv kindliche Denkweise, die die Tatsachen verkennt und aufgrund falscher Prämissen die falschen Schlüsse zieht, die ihn dann zu seinen Handeln veranlassen.

Im Anschluß an seinen inneren Monolog wird kurz nach außen geblendet, um Biberkopfs Gefühlsleben aus einer anderen Perspektive zu beleuchten. Er "heult für sich" und "rennt" (S. 29). Nun erfährt der Leser auch sein Ziel; es ist Minnas Wohnung, wo Franz mit seiner Geliebten Ida gewohnt hat, bevor er sie erschlagen hat. Durch die präzise topographische Lokalisation der Wohnung an die Straßen "Invalidenstraße" und "Ackerwaldstraße" wird der Bezug zur Stadt Berlin wieder hergestellt, der das ganze Werk hindurch nicht verloren geht.

Wieder findet ein Perspektivwechsel zu Biberkopfs Gedankenwelt statt: Mit dem kurzen Dikolon: "Kein Gefängnis gewesen, kein Gespräch mit den Juden in der Dragonerstraße", (S. 29) scheint er das Vergangene zu negieren. Er schüttelt die Vergangenheit von sich ab, sieht sie als ungeschehen an und will Ida aufsuchen, die an allem schuld ist. Das Aufsuchen der alten Wohnung gleicht damit einer Reise in die Vergangenheit, die durch die Negation des Gewesenen ermöglicht wird und durch die Suche nach Ida, der vermeintlichen Quelle seines Unglücks, motiviert ist.

Biberkopfs Orientierungslosigkeit wird in dem Satz: "Nichts gesehen auf der Straße, aber hingefunden", deutlich. Dazu kommt seine Nervosität und innere Aufgewühltheit, die im "Gesichtszucken", dem "Fingerzucken" gezeigt werden und besonders in den onomatopoetischen Worten/Klängen: "rummer di bummer di kieker di nell...", ihr sprachliches Pendant finden. Die schnelle Wiederholung dieses Elements könnte Biberkopfs eigenem Herzschlag oder dem Rhythmus seines Maschierens entstammen.

In der abgehackten, staccatohaft wirkenden Syntax dieses Abschnitts zeigt sich Döblins Versuch, die Sprachform dem Beschriebenen mimetisch anzugleichen. Indes genügt es ihm nicht das Geschehen nur sprachlich festzumachen, sondern er will es auch aus allen erdenklichen erzählerischen Perspektiven beleuchten. Die Bedeutung dieses Abschnitts für die gesamte Szene liegt darin, Biberkopfs Motivation zu zeigen, die ihn zu Minnas Wohnung und damit ein Schritt in die Vergangenheit führt. Allerdings findet keine aktive Vergangenheitsbewältigung statt, im Gegenteil, das Vergangene wird negiert und verdrängt.

Der zweite Teil findet direkten Anschluß an den ersten, indem er das lautmalerische Stilmittel mit dem Klingelton "Klingling" (S. 29) aufgreift. Der sich anschließende Dialog zwischen Minna und Franz ist durchweg von Franzens Gedanken durchsetzt, wodurch eine große Simultaneität und Authentizität erzielt wird. Nur kurz mischt sich der Erzähler ein und beschreibt die äußeren Handlungsabläufe (Z. 1-2, S. 30). In Biberkopfs innerem Monolog, der in keinerlei Zusammenhang mit dem Dialog zu Minna steht, wird der lautmalerische Spruch "rummer di bummer" (S. 29) durch das Gefühl, einen Zwirnsfaden auf der Zunge zu haben, abgelöst. Das Bild des Kaisers, das Biberkopf erblickt, löst neue assoziative Gedanken aus. Als Minna auf die Haftentlassung zu sprechen kommt, kann er weder weinen, noch kann er Minna ins Gesicht sehen; statt dessen richtet er seinen Blick auf ihre Hand. Es folgt ein Absatz, in dem wilde Assoziationen aneinander gereiht werden. Diesem Durcheinander an Gedanken entspricht eine äußerliche Handlung, die der Erzähler selbst nicht erwähnt: Lediglich aus Minnas Ausruf: "Franz, ich schrei, laß mich los" (S. 30), können wir entnehmen, daß Franz Minna gewaltsam angefaßt hat.

Im Anschluß daran wird unter der Fragestellung, was eine Frau unter Freunden wert sei, ein offensichtlich authentischer Text zitiert, der scheinbar willkürlich eingestreut wird. Doch zeigt sich, daß er genau das jetzige Geschehen kommentiert: Minna und Franz sind kurz davor, Minnas Ehemann Karl zu betrügen.

Ein zweites Mal erscheint die assoziative Verkettung von Bergen, Heeren und Kanonen (Surrealismus). Diesmal wird schon deutlicher, was sich hinter dieser Paraphrase verbirgt: Mit dem lautmalerischen "rrrrrr rumm" (S. 30) sind gleichsam Franzens Lust und Gier, sein Eroberungswille erwacht, der aber nicht die ursprüngliche Motivation für den Besuch Minnas war. Das Bild des planmäßig abfahrenden Zuges zeigt, wie er nun in seiner Triebhaftigkeit gefangen ist und wie unaufhaltsam diese Gier ist. Minna versucht sich zwar zu wehren, vermag aber nichts gegen den starken, allzu übermächtig erscheinenden Franz auszurichten. Es scheint, "der Zug ist abgefahren"; der Erzähler kommentiert lakonisch: "da kann man nichts machen" (S. 31).

Der zweite Teil zeichnet sich durch eine hohe Simultaneität am Anfang aus, die durch die zahlreichen Perspektivwechsel bewirkt wird. Im folgenden wendet sich der Autor der Paraphrase und der bildhaften Verbrämung des Geschehenen zu; die eigentliche Handlung tritt hinter Biberkopfs Gefühlsleben zurück und es zeigt sich die durch die Metapher des Zuges hervorgehobene Triebhaftigkeit Biberkopfs, die ihn dazu bewegt, an Minna bzw. Ida seine männliche Potenz unter Beweis zu stellen.

Im letzten Teil dieser Textstelle wird wieder an den Anfang angeknüpft: Minna selbst stellt den Bezug zu Ida her und erkennt, daß sie die Rolle ihrer Schwester übernimmt. Franz sieht zum ersten Mal wieder glücklich aus (S. 31); erneut negiert er das Vergangene: "da ist nicht mehr das Gefängnis" (S. 31). Er erinnert sich, wie er Ida kennengelernt hat; und sicherlich nicht zufällig hat diese Begegnung im "Paradiesgarten" (S. 31) stattgefunden. Es scheint sich der "Sieg" (S. 29), der in der Überschrift erwähnt wird, einzustellen.

Von einem personalen Erzähler wird im folgenden beschrieben, wie sie auf dem Teppich liegen und wie sich Minnas Verwandlung vollzieht. Sie ist dieser Verwandlung hilflos ausgeliefert, wie durch eine höhere Gewalt wird sie zum Nachgeben gezwungen.

In dem folgenden Absatz wird alles Persönliche, Individuelle aufgehoben und relativiert; die topographische Bestimmung des Ortes wird negiert und die wichtigsten physikalischen Naturgesetze scheinen keine Geltung mehr zu haben. Der Geschlechtsakt scheint dem Raum und der Zeit enthoben zu sein.

Danach zeigt sich, wie glücklich Franz Biberkopf ist: "er lachte" (S. 31, vorletzte und letzte Zeile ebenfalls), "er drehte sich vor Glück, vor Wonne, vor Seligkeit" (S. 32). Er fühlt sich zum ersten Mal wieder "frei" (Z. ...)und "als Mensch" (Z. ...). Für Minnas Unruhe und Besorgnis zeigt er kein Verständnis. Der "Sieg auf der ganzen Linie" (S. 29) ist für ihn endgültig errungen.

In diesem letzten Gliederungsteil verbinden sich die ursprüngliche Suche nach Ida mit Biberkopfs Bedürfnis, seine Männlichkeit zu bestätigen. Dabei bleibt Döblin ausnahmslos auf der beschreibenden Seite und versucht nicht, in irgendeiner Weise Biberkopfs Handeln zu psychologisieren. Er führt diese Szene zu ihrem Ende, zeigt die unmittelbare Wirkung auf Biberkopf, seine Glücksgefühle und knüpft mit dem Wortspiel "Paradiesgarten" (S. 31) an das Paradiesmotiv an, das die ersten Bücher des Romans durchzieht. Sprachlich zeigt sich im letzten Teil auch Döblins naturalistisches Bestreben, die Sprache unverändert wiederzugeben: "nu jieb dir doch" (S. 32) zeigt klar den Berliner Dialekt.


Die vorliegende Textstelle entstammt dem Schlußteil des ersten Buches und zeigt Franzens kurzfristig erfolgreichen Versuch, sich von seiner Vergangenheit zu befreien und seine alte Selbstsicherheit durch die Vergewaltigung Minnas wiederzugewinnen. Dem Leser wird klar, daß seinem Handeln keine logischen Gedanken und klare Überlegungen vorausgehen/zugrunde liegen, sonder daß er ganz von seiner Triebhaftigkeit gelenkt wird. In dieser Szene werden viele Eigenschaften Biberkopfs exponiert, die für sein späteres Scheitern verantwortlich sind. Allein schon die Vergewaltigung selbst zeigt, wie weit er seinem Grundsatz anständig zu sein, folgt. Der "Sieg auf ganzer Linie" ist nur die kurzfristige Vorhäuchelung eines Paradieses, aus dem er zum ersten Mal durch den Betrug von Lüders vertrieben wird.

Der Szene voraus geht der Besuch Biberkopfs bei den Juden, die ihm zwei Lehren mit auf den Weg geben: Man muß die Welt erobern, und diese Eroberung kann in einer Katastrophe enden. Nur die erste der beiden Lehren beherzigt Franz und versucht an verschiedenen Prostituierten, "die Welt zu erobern". Diese Versuche scheitern zunächst, woraufhin er zu Minna geht.

Diese Szene schafft als die Grundlage für Biberkopfs fälschliches Glück. Man sieht hier, wie Biberkopf schon im Ansatz falsch an sein Leben herangeht. Diesen Fehler wird er noch mehrmals machen - jedesmal, wenn er sich von einem ihm zugefügten Schlag erholt - , bevor er im neunten Buch eine Begegnung mit dem Tod hat und endlich Einsicht zeigt.

Besonders schön zeigt sich an der vorliegenden Textstelle, wie sie als Teil des Ganzen doch alle wichtigen erzählerischen Elemente in sich vereint und dadurch Döblins eigener Forderung nachkommt, daß jeder Teil eines guten Romans auch für sich stehen könne.