Interpretation und Vergleich der Gedichte "Blatt" von Rose Ausländer und "Losgelöst" von Hilde Domin.
Sowohl in dem Gedicht "Blatt" von Rose Ausländer, als auch in dem Gedicht "Losgelöst" von Hilde Domin wird die Auseinandersetzung der Lyrikerinnen mit ihrem eigenen Schaffen bzw. ihrem Schaffensprozess thematisiert. Die vergleichbaren Biographien von Hilde Domin und Rose Ausländer die von ähnlichen Grundmotiven wie Verfolgung, Exilierung und Ichfindung geprägt sind, bieten eine Grundlage auf der die Bedeutung der Sprache für die beiden deutschsprachigen jüdischen Lyrikerinnen aufgezeigt werden kann.
Das siebenstrophige Gedicht "Blatt" von Rose Ausländer ist reimlos und in freien Rhythmen gehalten. Die Zeilenzahl der verschiedenen Strophen zeigt zunächst kein klar erkennbares Bauprinzip, des weiteren fehlt jegliche Interpunktion.
Die erste Strophe umfasst lediglich zwei Zeilen, die keinen vollständigen Satz ergeben. Es handelt sich um zwei Attribute, die sich allein auf das Blatt und seine Eigenschaften beziehen.
In der zweiten ebenfalls zweizeiligen Strophe wird der Zustand des Blattes mit einem schlichten Aussagesatz konkretisiert: Das Blatt scheint sich im Wind zu bewegen.
In der dritten, vierzeiligen Strophe wird das einzelne Blatt nun in den Kontext der Natur eingeordnet, indem es von seinen "Geschwistern" (Z.6), den anderen Blättern abgegrenzt wird: Es hat als einziges von ihnen einen geknickten Stengel.
Erst in der vierten Strophe tritt das lyrische Ich selbst in Erscheinung. Durch seine Aussage, "Ich entdecke".. (Z.9) wird deutlich, dass die vorangegangenen Strophen sich nach und nach konkretisierende Wahrnehmungen des lyrischen Ich darstellen.
Nach de völligen Konkretisierung und Lokalisierung des Geschehens folgt nun in der fünften Strophe die Beschreibung, wie gewissermaßen eine engere Beziehung zwischen dem lyrischen Ich und dem Blatt entsteht. ("Botschaft" Z.13, "Verbundenheit" Z.15)
Die fünfte Strophe besteht im Gegensatz zu den drei vorhergehenden Strophen, nicht mehr aus einem Satz, sondern aus zwei Sätzen, was in formaler Hinsicht die Aussage des lyrischen Ich unterstützt: Denn die Verbundenheit mit dem Blatt, von der das lyrische Ich spricht wird auf der formalen Ebene dadurch ausgedrückt, dass das Blatt und das lyrische Ich in dieser Strophe gemeinsam erscheinen und so gewissermaßen "verbunden " werden.
In der sechsten Strophe wird durch die Inversion des ersten Satzes die Bestürztheit des lyrischen Ich hervorgehoben, als es sieht dass das Blatt, wohl durch seine Knickung "einen braunen Fleck auf seiner Herzlinie" (Z.18-19), hat. Das lyrische Ich tröstet sich jedoch damit , dass "die schönen Wölbungen aber noch grün sind" (Z. 19-20). Das Blatt hat zwar in der Natur auf Dauer seine Lebensfähigkeit verloren, es kann dem lyrischen Ich jedoch kurzzeitig noch eine gewisse Schönheit bieten.
In der siebten und letzten Strophe, die wiederum nur zwei Zeilen umfasst, vollzieht sich der Wechsel von der mehr deskriptiven Darstellung der vorhergehenden Strophen zu der klaren Aufforderung des lyrischen Ich an das Blatt weiterzuleben "auf meinem weißen Blatt" (Z.22), also auf dem Blatt, auf das die Lyrikerin ihr Gedicht schreibt bzw. geschrieben hat. Sie hofft auf diese Weise dem geknickten Blatt ein "zweites Leben" in ihrem Gedicht zu ermöglichen.
Das Gedicht "Losgelöst" von Hilde Domin besteht aus fünf reimlosen Strophen ohne erkennbares Bauprinzip. Es ist eine normale Interpunktion vorhanden, jedoch bildet nicht jede Strophe eine grammatikalische Einheit, wie es bei Rose Ausländers Gedicht der Fall ist. In der ersten Strophe ist die Loslösung des treibenden Wortes auch auf formaler Ebene durch die Loslösung dieses ersten Satzteils von der zweiten Strophe realisiert. Die in der zweiten Strophe fortgesetzte Beschreibung des auf dem "Wasser der Zeit" (Z.3) treibenden Wortes bezieht sich auf die Rezeption dieses Wortes oder Gedichts, bei den anderen Menschen. Wird das Gedicht gelesen, oder vielleicht interpretiert, wird es "getragen" (Z.5). Es kann jedoch auch "untergehen", wenn sich niemand dafür interessiert.
In der dritten Strophe beschreibt das lyrische Ich, dass ein "Du", vielleicht der Leser, das lyrische Ich schon lange vergessen hat und auch dieses selbst niemand mehr erinnert, weder den Leser, noch irgendeinen anderen Menschen. Da also keinerlei Verbindung mehr zwischen dem Dichter und dem Rezipienten besteht, könnte "dies treibende" (Gedicht)Blatt von "jedem Baum auf das Wasser gefallen sein". Der Lyriker wird also mit einem Baum verglichen, der seine (Gedicht)Blätter in den Strom der Zeit wirft, wo sie entweder getragen werden oder untergehen. Die Loslösung des Blattes von seinem Baum wird, wie in der ersten Strophe, durch die Trennung des Satzes in zwei Strophen, dargestellt; das Blatt auf dem Wasser erscheint so auch graphisch wiederum losgelöst.
Vergleicht man die beiden Gedichte, fällt die unterschiedliche Stellung des lyrischen Ich auf. Die Sprechweise des lyrischen Ich in Rose Ausländers Gedicht, ist stark assoziativ; an die Beobachtung eines geknickten Blattes im Gras, knüpft sich für das lyrische Ich, das man wohl in diesem Fall mit der Dichterin gleichsetzen darf, die Hoffnung durch das Wort dem vergänglichen Ding Dauer zu geben. Die Dichterin identifiziert sich mit ihrem Gedicht, was auch an der Personifikation des betrachteten Gegenstandes deutlich wird. Rose Ausländer geht vom "Blatt" aus. Dieses Blatt wird nun Symbol, es wird zum Wort.
Bei Hilde Domin dagegen stellt das Blatt nur eine Metapher für die Unbeständigkeit des Wortes dar, das Wort wird zum Blatt.
Das lyrische Ich in Hilde Domins Gedicht, das wohl auch, wie bei Rose Ausländer, mit der Dichterin selbst gleichzusetzen ist, steht seiner "Schöpfung", seinem Wort wesentlich distanzierter gegenüber, es hat sich von ihm innerlich schon losgelöst und reflektiert nun über diese Loslösung und die Selbständigkeit, die das Gedicht so erreicht hat. Der Autor ist für das Gedicht nicht mehr von Bedeutung, es hat seine eigene, unabhängige Existenz. Bei Rose Ausländer dagegen ist das Gedicht noch ein Teil der Dichterin selbst.
Dies wird noch verständlicher durch die Tatsache, dass die Biographie Rose Ausländers in noch stärkerem Maße von Heimatlosigkeit und Sprachentfremdung geprägt ist als die Biographie Hilde Domins. Bei Rose Ausländer, die erst zwanzig Jahre nach dem Holocaust wieder anfing Gedichte in deutscher Sprache zu schreiben, findet sich eine ungeheuer enge Beziehung zum eigenen Werk und eine starke Verhaftung in der Sprache selbst. Sie schildert in dem vorliegenden Gedicht gewissermaßen die Entstehung des Gedichts selbst, wie etwas momenthaft Erlebtes.
Bei Hilde Domins Gedicht dagegen handelt es sich um ein gedanklich klar strukturierte Reflexion über die Loslösung eines Wortes von seinem Sprecher und somit auch gewissermaßen eines Gedichts von seinem Autor. Das Verhältnis zum eigenen Schaffen ist also distanzierter und stärker von einer kritischen Distanz geprägt.