Aufgabe 1:

Das vorliegende Gedicht entstammt dem gleichnamigen Gedichtband "Nur eine Rose als Stütze" (1959) von Hilde Domin.
In ihren Werken thematisiert Hilde Domin hauptsächlich das Problem der Remigration, Sprachentfremdung und Heimatfindung, dem sie aufgrund ihrer Emigration während des "Dritten Reiches" ausgesetzt ist.
In dem Gedicht "Nur eine Rose als Stütze" beschäftigt sie sich mit ihrer Unsicherheit und Einsamkeit in der neuen alten Heimat, ihrem Wunsch nach Geborgenheit und Zugehörigkeit und der verbleibenden Hoffnung, dargestellt im Bild der "Rose".
Das Gedicht gliedert sich in vier Strophen, jede Strophe hat fünf Zeilen. Die strenge Einhaltung dieses Schemas weist auf die Eingeengtheit und Bedrängtheit hin, der sich der Sprecher ausgeliefert fühlt.
Die erste Strophe beschreibt die momentane Situation des Sprechers: "ein Zimmer in der Luft" evoziert sofort das Bild eines Luftschlosses, etwas Unwirkliches, das so leicht wie eine Seifenblase zerplatzen kann. So wird die Wohnung, die neue Heimat geschildert. In der zweiten Zeile wird diese Instabilität durch die adverbiale Bestimmung (des Ortes) "unter den Akrobaten und Vögeln" weiter entfaltet: Die Freiesten, die Akrobaten und Vögel, die sich fast ausschließlich in der Luft aufhalten, sind zugleich am meisten gefährdet. Das "Zimmer [ein] in der Luft" konkretisiert sich durch die Beschreibung des Bettes, der Ruhestätte. Erneut wird das Zirkusbild aufgegriffen und macht das Gefühl zum Balanceakt in schwindelerregender Höhe.
Wirklich Ruhe, wirklich Schlaf zu finden wird also unmöglich, da der Mensch im Schlaf nicht sein Gleichgewicht halten kann. Diese Instabilität erfährt durch den Vergleich "wie ein Nest im Wind" und durch das zum Superlativ gesteigerte Adjektiv "äußersten", das eine maximale Unsicherheit ausdrückt, eine weitere Steigerung.
Die erste Strophe beschreibt die Heimgründung des Sprechers, die mit zunehmender Konkretisierung in eine Art Gegenbewegung mündet. Der gewählte Nominalstil unterstreicht die Starrheit und Unbeweglichkeit der Situation.
In der zweiten Strophe wird das Motiv anfangs weitergeführt und dann kontrastiert: Die gekaufte Decke besteht aus "der zartesten Wolle". Die Wolle wird mit einer Eigenschaft behaftet, die sie als wärmende Decke disqualifiziert. Wichtiger als die Wolle wird nun das Bild der Schafe, die wirklich Wärme, Geborgenheit und Zugehörigkeit vermitteln. Der Sprecher schweift nun zum ersten Mal von seinem "Luftzimmer" ab und spinnt den Faden des Schafbildes weiter. Das "Mondlicht", das durch ein Enjambement aus dem beschreibenden Relativsatz herausgegliedert wird, um die Schafe in ein nächtliches, friedliches Stimmungsbild einzuordnen, gibt nun den Rahmen für den Vergleich in der neunten Zeile: Im Vergleich der analog zum Vergleich der ersten Strophe steht, wird durch das Bild der "schimmernde[n] Wolken" der Bezug zur Luft hergestellt. Demgegenüber steht der Antagonismus der "feste[n] Erde", die den Schafen die von dem Sprecher angestrebte Festigkeit und Sicherheit gibt.
In der zweiten Strophe versucht der Sprecher mit der Decke das zu erwerben, was er im Bild der Schafe sieht: Ein Gefühl der Gemeinsamkeit und Geborgenheit.
Die malerische und anschauliche Sprache, die durch zahlreiche Attribute unterstützt wird, charakterisiert dieses Gefühl und verstärkt das Bild der Idylle und Ruhe.
In der dritten Strophe zeigt sich wieder das streng repetitive Element des lyrischen Ichs als Subjekt und des reflexiven Prädikats, das die Beschäftigung mit sich selbst bis in die Sprache ausdrückt.
Es wird erkennbar, daß die Decke, in die sich der Sprecher einwickelt, ihm nicht hilft bei dem Versuch zu schlafen. Zwar "schließ[t] [er] die Augen", doch anstatt zu schlafen, beginnt er zu wünschen. Mit der 13.Zeile vollzieht sich ein klarer Bruch:
Der Sprecher hört auf zu beschreiben, was ist und geht auf seine eigenen Wünsche ein, deren Sehnlichkeit durch das starke modale Hilfsverb "wollen" deutlich gemacht wird. Sein Wunsch ist es, "den Sand unter den kleinen Hufen [zu] spüren", die Erde und ihre Festigkeit wahrzunehmen. Er möchte ausbrechen und zur Gruppe der Schafe gehören, die für ihn Geborgenheit und Sicherheit konnotieren.
In der dritten Strophe vollzieht sich eine klare Peripetie von der deskriptiven Darstellung hin zu dem persönlichen Wunsch des Sprechers. Der Wunsch selbst läuft ein eine Klimax zu, das Maximum an Sicherheit, das die geschlossene "Stalltür" versinnbildlicht.
Auf dem höchsten Punkt des Verlangens tritt am Anfang der vierten Strophe die Ernüchterung ein. Die Konjunktion "aber" macht deutlich, daß der Wunsch nicht ohne weiteres erfüllbar ist. Der Sprecher fällt zurück in sein "Luftzimmer", "ins Leere", in seine Bezuglosigkeit und Einsamkeit. "[Ihm] schwindelt. [Er] schläf[t] nicht ein"; In kurzer, abgehackter Form schließt diese Zeile an das "Bett auf dem Trapez" an.
Hilfesuchend greift seine, durch das Enjambement einsam erscheinende Hand "nach einem Halt". Doch alles was folgt, ist "nur eine Rose als Stütze", der Kernsatz des Gedichts, der gleichzeitig Titel ist. Dieses Bild der "Rose" ist der einzige Ausweg, die letzte Hoffnung, die bleibt. Der Sprecher bedient sich eines recht ambivalenten Bildes, das er selbst durch das Adverb "nur" abwertet.
Was beinhaltet die Metapher bzw. das Symbol der "Rose"? Zum einen verletzt sie durch ihre Dornen und bietet zudem durch ihre Feinheit wenig Stütze. Zum anderen steht sie für etwas Schönes, Wahrhaftiges, Liebe und Mut.
Die vierte Strophe hat also zwei wichtige Funktionen: Erstens das Zunichtemachen des Wunsches, zweitens das Aufzeigen einer kleinen aber feinen Hoffnung.
Das vorliegende Gedicht "Nur eine Rose als Stütze" ist in einem hohen Maße autobiographisch geprägtes Werk: Es schildert Hilde Domins Remigrationsproblematik, als sie nach Deutschland zurückkehrt.
Das "Zimmer in der Luft", das sie sich einrichtet, ist keine Lösung, keine Heimat. Hier findet sie keine Ruhe und kann nicht schlafen. Sie sehnt sich nach Geborgenheit, einem Zugehörigkeitsgefühl, das ihr im Bild der Schafe zuteil wird. Jedoch gelingt es ihr nicht diese Bewußtseinsebene zu erreichen; ihr einziger Halt ist die Rose, die Sprache.