Thema: 6 Hauptmann "Die Ratten"


Aufgabe:

- Ordnen Sie die Textstelle kurz in den Handlungsverlauf des Dramas ein.

- Untersuchen Sie die in diesem Absatz geäußerten Auffassungen zum Thema "Gerechtigkeit"!

- Welche Auffassung von Gerechtigkeit vertritt Hauptmann in seinem Stück?


Die vorliegende Textstelle entstammt dem 5. Akt der spätnaturalistischen Tragikomödie "Die Ratten" (1911) von Gerhart Hauptmann, der im Jahr 1889 dem deutschen Naturalismus mit seinem Stück "Vor Sonnenaufgang" zum Durchbruch verholfen hat. In dem Stück " Die Ratten" zeigt Hauptmann in naturalistischer Manier, angesichts der Detailtreue der Charaktere und der genauen topographischen Festmachung des Handlungsortes an den Dachboden einer Berliner Kavaleriekaserne einen (soziologischen) Querschnitt der Gesellschaft. Das vordergründige Thema der Handlung ist der irregeleitete Muttertrieb der Protagonistin Frau John, der die Handlung maßgeblich bestimmt. Hintergründig werden weitere Themen gestreift wie z.B. das Thema  Großstadt, worauf schon der Titel  Berliner Tragikkomödie hinweist. Auch der Verfall wird thematisiert und leitmotivisch durch das immer wiederkehrende Symbol der Ratten ausgedehnt und am Beispiel von Frau Johns Unfruchtbarkeit entwickelt.

Ebenfalls leitmotivisch erscheint das Thema Gerechtigkeit, das an den Repräsentanten aller sozialer Schichten durchgespielt wird (Pastor Spitta als Geistlicher, Direktor Hassenreuter als Vertreter des Bildungsbürgertums und der Familie John, die das einfache Bürgertum darstellen).

In der vorliegenden Textstelle erfährt Frau John, die sich mit Adelbert versteckt hat von dem Tod von Frau Knobbes Kind. Der Direktor Hassenreuter versucht auf eine Bemerkung Frau Johns hin, die Zusammenhänge zwischen den Geschehnissen herzustellen.

Frau John gelingt es, ihn davon abzubringen, als ihr Mann, der Mauerpolier John auftritt und berichtet, dass ihr Bruder Bruno polizeilich gesucht wird. Nun entwickelt sich ein kurzer Diskurs zwischen Frau John und Herrn John über die Gerechtigkeit angesichts Brunos Mord.

Mit dem Tod des Kindes von Frau Knobbe schließt die Textstelle an den dramatischen Höhepunkt des Stückes im 3. Akt an, seit dem ein guter Ausgang der John-Handlung nicht mehr möglich scheint. Der Mord Brunos an dem Dienstmädchen Piperkarcka, den dieser am Ende des 4. Aktes seiner Schwester gebeichtet hat, wird ein zweites Mal aufgegriffen, und de Direktor Hassenreuter zeigt erste Bemühungen die Zusammenhänge der Ereignisse aufzudecken, wobei das bis dahin schon nicht handlungsreiche Stück sich endgültig der Analyse des Vorgefallenen zuwendet.

Direkt vor der vorliegenden Textstelle hat sich das Überwürfnis der Jugend mit der Elterngeneration der Hassenreuters in Wohlgefallen und gegenseitigem Einverständnis aufgelöst. Im Anschluß an diesen Textauszug wird die Tat Frau Johns von Herrn Hassenreuter und Herrn John nach Beseitigung aller Mißverständnisse, aufgedeckt, die mit letzten Kräften versucht das Geheimnis zu wahren.

Im Gesamtzusamenhang des Stückes stellt die vorliegende Textstelle den Übergang vom handlungsorientierten ins analytische Drama dar und bereitet so den Schluß vor, indem noch einmal die wichtigsten Ereignisse vergegenwärtigt werden: Der Tod des Kindes im Zusammenhang mit dem Dienstmädchen Piperkarcka, der Mord Brunos an ihr , der Kleiderdiebstahlund und das Milchfläschen, die von Direktor Hassenreuter aufgegriffen und in die späteren Klärungsversuche eingereiht werden.

Da es sich um ein naturalistisches Stück handelt, bei dem der Mensch als Produkt von Milieu und Vererbung gesehen wird und auf der Bühne in erster Linie die Bestimmungsfaktoren seines Werdens und Handelns gezeigt werden sollen, sollte man bei der Untersuchung gewisser Auffassungen nie die Determinanten, die die Figur zu einem solchen Aussage veranlassen, übergehen. Deshalb sei im Folgenden kurz auf die Charakterisierung der beiden Charaktere Frau John und Herr John eingegangen:

In dem vorliegenden Textausschnitt äußert sich erst Herr John und dann seine Frau zum Thema Gerechtigkeit:

Herr John:   ... wo wiederkommt, bin ick der erschte, wo ihm, Hände und Füße jebunden, an die Gerechtigkeit ausliefern dut. Die Regieanweisung  Er sucht den Raum ab zeigt, wie er seine Aussage durch eine entsprechende Handlung Nachdruck verleiht.

Frau John:  Mach du Rotznäsen wat wees von Jerechtigkeit. Jerechtigkeit is noch nich ma oben im Himmel....


An den Aussagen erkennt man, dass sich Herr John eindeutig auf Bruno, Frau Johns Bruder bezieht, während in Frau Johns wesentlich emotionalerer Ansicht über die Gerechtigkeit ein anderer, ein persönlicher Hintergrund, bedingt durch das mütterliche Verhältnis zu Bruno und durch ihre eigene Misere, aufklingt.

Herr John wird im Laufe des Dramas als ein anständiger, grundsolider Arbeiter gezeigt, der keine Mühen scheut seine Familie zu ernähren und sich sehr über sein zweites Kind freut. Aufgrund seiner eigenen moralischen Festigkeit zeigt er sich in seinem Gerechtigkeitsempfinden als hart und erbarmungslos. Dies zeigt sich zum ersten Mal in seiner Haltung gegenüber Bruno, der ihm nur  Ärjer un Schande gebracht hat.

In seinem selbstgerechten Denken ist er mit dem Pastor Spitta zu vergleichen und treibt wie dieser seine Tochter durch sein starres, beinahe dogmatisches, auf jeden anwendbare Gerechtigkeitsbild seine Frau in den Tod. Es zeigt sich, dass er nicht differenziert urteilen kann, nicht die Hintergründe sieht, sie gar nicht sehen will, die Bruno und insbesondere seine Frau zu ihrem Handeln bewegt haben. Hier liegt der Ansatzpunkt für Hauptmanns Kritik, der im Sinne des naturalistischen Programmes zeigen will, daß der Mensch nur im Rahmen seiner Determinanten beurteilt und auch gezeigt werden darf.

Eben dieses Denken Herrn Johns, das im Laufe des Dramas an seiner Haltung gegenüber Bruno exponiert und wiederum im Lichte seines Milieus dargestellt wird, zeigt sich in dieser Textstelle.

Frau Johns Ansatz für ihr Gerechtigkeitsempfinden in dieser Textstelle beruht auf einer ganz anderen Urteilsgrundlage: Eine wichtige Rolle spielt wie schon erwähnt ihr mütterliches Verhältnis zu Bruno, gegenüber dem sie sich verantwortlich fühlt. Aber auch ihre eigene Situation und das Gefühl, Bruno zu dem Mord angestiftet zu haben, wirken auf ihr hier zum Ausdruck gebrachten Gerechtigkeitsempfinden, das sie zu der Ansicht bringt, es gebe keine Gerechtigkeit, nicht einmal im Himmel. Sie hadert mit der Welt und ihre Situation und kann nicht verstehen, wie ihr natürlicher Mutterwunsch und ihre anfangs sogar mitmenschlich wirkende Tat, das ungewollte Kind des Dienstmädchens Piperkarcka zu übernehmen, derartig katastrophale hatten, auf die sie trotz aller Bemühungen keinen Einfluß nehmen konnte.

Ihre daraus erwachsende Verzweiflung und Hilflosigkeit verleiten sie zu immer abstruseren Mitteln und Methoden, um ihr »schreckliches« Geheimnis zu wahren und - wie in dieser Szene - zu einer solchen Aussage über die Gerechtigkeit , die es ihrer Meinung nach nicht gibt, denn sonst wäre dies alles nicht passiert.

Diese zwei Gerechtigkeitsbilder kommen hier im wesentlichen zum Ausdruck und spiegeln gleichzeitig die sowohl moralische asl auch psychische Verfassung der Sprecher wieder.


Wie oben bereits erwähnt, bietet sich für Hauptmann als Naturalist Johns Gerechtigkeitsbild als Ansatzpunkt zur Kritik: Herr John wendet seine Vorstellung von Recht und Unrecht als festes Schema auf die Umwelt an. Dass es einen Bereich gibt, wo die Grenzen von Recht und Unrecht verschmelzen und die Schuldfrage nicht einfach mit Ja oder Nein beantwortet werden kann, und dass gewisse Umstämde einen zu unrechtem Handeln zwingen könne, sieht er nicht.

Aber auch Frau Johns Auffasung von Gerechtigkeit, die, wie im Verlauf des Stückes gezeigt wird, nicht auf klaren und gründlichen Überlegungen beruhen kann, sondern aufgrund von Verzweiflung und Selbstmitleid zustande kommt, entspricht nicht Hauptmanns Gerechtigkeitsgedanken.

Wenn wir Hautpmanns Gerechtigkeitsbild im Rahmen des Naturalismus (unter) suchen, muß eine Urteilsbildung stets eine gründliche Analyse der Faktoren vorausgehen, die den Betreffenden zu seinem Handeln bewegt haben. Diese Gerechtigkeit muß also für jeden einzelnen neu definiert werden; es müssen individuelle Maßstäbe gefunden und angelegt werden.

Insofern hat Frau John, die versucht sich mit ihrer Auffasung von Gerechtigkeit zu "entschuldigen" recht, als ihr tatsächlich bis zu einem gewissen Grad die Schuld abgesprochen werden muß. Anhand ihrer zahlreichen Versuche, das Urteil abzuwenden, kann man erkennen, daß sie nicht aktiver Täter\Initiator sondern ein im Kausal-Nexus verfangenes Opfer ihrer Verhältnisse ist, das gemäß dem naturalistischen Menschenbild deterministisch vorbestimmt ist und nicht seiner eigenen, durch das Milieu und die Vererbung bestimmte Persönlichkeit entgehen kann.

In diesem Sinn kann sich Hauptmanns Kritik nicht gegen Frau John richten, sondern gegen konventionelle Auffassungen, wie sie von Herrn John bzw. Pastor Spitta oder Direktor Hassenreuter, der mit seinem phrasenhaften Ausspruch "ein wahrhaft salomonisches Urteil" (S.74, Z.B.,24f) nicht einmal zur eigenen Urteilsfindung gelangt, vetreten werden.

Hauptmann übt mit seinem naturalischen Gerechtigkeitsbild, das er in der Tragikkömödie "Die Ratten" entfaltet, Kritik an der Gesellschaft und ihrem Gerechtigkeitsempfinden.


13\14 Punkte


Felix Berger