In dem vierstrophigen Gedicht "Bitte" beschreibt Hilde Domin, welch ungeheuren Gewalten der Mensch, ohne es zu wollen, allein im Hinblick auf sein Menschsein, ausgesetzt ist. Von einem schwierigen Lebensweg durch unser Jahrhundert geprägt, zeigt die Dichterin einen Weg auf, der sich nicht gegen diese Gewalten stellt, sondern sie annimmt und zu einer immer von neuem gewährten Selbstfindung des Individuums führen kann.


Der Titel des Gedichts, das Wort "Bitte", nimmt auch in dem Gedicht selbst eine zentrale Stellung ein: Nachdem das lyrische Ich in der ersten Strophe die bedrängende Situation beschreibt, in der es sich selbst und seine Mitmenschen sieht, und in der zweiten Strophe die Möglichkeit, dieser Situation durch Wünsche zu entfliehen, negiert wird, taucht am Anfang der dritten Strophe, gleichsam als Peripetie des ganzen Gedichts, wiederum das Wort "Bitte" auf. Aus ihm heraus entwickelt sich der einzig "taugliche" Weg, die eingangs beschriebene Situation zu bewältigen. Anhand des Begriffs der Bitte lassen sich auch einige Grundfragen des Gedichts aufwerfen: An wen ist die Bitte gerichtet? Welche Qualität hat die Bitte beispielsweise im Gegensatz zum Wunsch? Wie ist der Inhalt der Bitte zu verstehen?


Bei der Betrachtung des Aufbaus des reimlosen Gedichts "Bitte", fällt auf, dass die erste Strophe im Gegensatz zu den folgenden drei Strophen aus nur vier Zeilen besteht anstatt aus sechs. Diese formale Abgrenzung läßt sich mit der Funktion der ersten Strophe im Gedichtzusammenhang erklären: Sie stellt als reine Tatsachenbeschreibung gewissermaßen das Fundament dar, auf welchem die folgenden Strophen aufbauen.

Das Gedicht beginnt mit dem Personalpronomen "wir" in der ersten Person Plural. Das lyrische Ich macht damit sofort deutlich, dass sich der Inhalt des Gedichts auch auf seinen Leser bezieht. Was geschieht nun mit diesen Menschen, mit uns? Wir werden nicht nur eingetaucht, sondern auch mit dem Wasser der Sintflut gewaschen (z.B. 2) und wir werden nicht nur bis auf die Haut, sondern sogar " bis auf die Herzhaut durchnäßt" (Z.3-4). Wie an der Passivkonstruktion deutlich wird, handelt es sich nicht um etwas Freiwilliges, Selbstgewähltes, sondern um einen bedrängenden, leidvollen Vorgang. (Das Passiv ist hier eine wirkliche "Leideform".) Das Bild des völligen Durchnäßtseins wird lautmalerisch verstärkt durch die Häufung der Laute S und Z in den Zeilen zwei bis vier.

Von großer Bedeutung ist jedoch, dass das Innerste des Menschen unberührt zu bleiben scheint. Das Wasser gelangt zwar bis zur Herzhaut, das Herz selbst jedoch bleibt unberührt und gibt dem Menschen deshalb die Möglichkeit, sein Eigenes zu bewahren.

Das Bild des Eintauchens erinnert an die jüdische Immersionstaufe, in der der Mensch durch Eintauchen ins Wasser an die Schwelle des Todes gebracht wird und so eine Läuterung erfährt.

Auch daß "wir" mit dem Wasser der Sintflut gewaschen werden, ist von hoher symbolischer Bedeutung, denn die Sintflut war eine von den Menschen selbst verschuldete Katastrophe, und so ist jeder, der mit ihrem Wasser gewaschen wird, an diesem Vorgang zumindest indirekt mitschuldig.

In der zweiten Strophe verwirft das lyrische Ich den Wunsch nach einer Landschaft, die noch auf dieser Seite der Tränengrenze liegt. Nur wenn ein Mensch diese Grenze aus Tränen überschritte, könnte er eine Landschaft, also ein in sich geschlossenes, natürliches Gebiet erreichen. Da jedoch schon der alleinige Wunsch nach einer solchen Landschaft "nicht taugt" (Z.6), sei jegliches Nachdenken darüber müßig.

Auch der Wunsch nach einem ewigen Blütenfrühling, einer Zeit in der alles wächst und die Natur dem Menschen ihre höchsten Kunstwerke, die Blüten präsentiert, sei nutzlos, die Zeit läßt sich nicht aufhalten.

In dem Wunsch, "den Blütenfrühling zu halten" , drückt sich auch der Wunsch des Menschen nach ewiger Jugend, dem "Lebensfrühling" aus, der jedoch nicht konserviert werden kann und darf, weil sonst die Entwicklung des Menschen aufgehalten wird. Der Mensch darf nicht darauf hoffen "verschont zu bleiben"(Z.9), denn in diesem Wunsch spiegelt sich die Angst vor Kämpfen und Auseinandersetzungen wider, welche dem Menschen überhaupt erst die Möglichkeit geben sich zu entwickeln und zu verändern; Stillstand ist Rückschritt, wie ein bekanntes Sprichwort sagt.

In der dritten Strophe teilt das lyrische Ich nun endlich mit, was es als tauglich erachtet: Wir sollen bitten, dass wir wie Noah auf seiner Arche durch die Taube erfahren, dass es wieder Land gibt, das nicht mehr von dem Wasser der Sintflut bedeckt ist, wir sollen bitten, dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei, die wir zusammen mit dem Blütenfrühling aufgeben mußten und dass noch die am Boden liegenden Blätter der Rose, als Sinnbild für eine der schönsten Blüten überhaupt, eine leuchtende Krone, also ein Zeichen des Sieges bilden.

Die Rose wird ja oft als ein Sinnbild für den Menschen gebraucht und deshalb liegt im dem Bild der Rosenblätter am Boden auch ein biographisches Moment: es läßt sich nun so deuten, dass das Alter in dem der Mensch anscheinend seine Blätter, seine Schönheit verliert, die wahre "Krönung" des Lebens darstellen soll.

In der dritten Strophe beziehen sich die Inhalte der Bitte bis zu einem gewissen Grad auf die zweite Strophe. Die Taube bringt zumindest die Nachricht von einem Stück Land - einer kleinen Landschaft - , von der sich das Wasser der Sintflut schon wieder zurückgezogen hat, und sowohl das Bild der Frucht, die so bunt wie die Blüte ist, als auch die eine Kronen bildenden Rosenblätter am Boden drücken ja aus, dass auch nach dem Blütenfrühling, den wir nicht halten können, die Natur in ihrer Einzigartigkeit fortbesteht.

In der vierten und letzten Strophe wird in der fortgesetzten Bitte das Motiv der Flut noch einmal aufgegriffen, es steht nun aber zusammen mit zwei Bildern, die sinnbildlich Situationen darstellen, welche den Menschen bedrängen und angreifen wie die Sintflut, in denen sich jedoch noch etwas Neues offenbart: Der Mensch sieht sich nun dem Feuer und wilden, reißenden Tieren ausgesetzt. Es ist deutlich, das es sich um Situationen handelt in denen das lyrische Ich, in denen "wir" aufs Äußerste bedroht sind. "Wir", weil es sich bei dem feurigen Ofen und dem biblischen Bild der Löwengrube nicht um etwas Vergangenes handelt, sondern weil sich, gerade in unserer Zeit, jeder Mensch solchen Situationen ausgesetzt sieht, sowohl im äußerlichen als auch im seelischen Bereich. Aber gerade aus diesen Momenten höchster Gefahr entwickelt sich in der Bitte der Dichterin eine ungeheure Chance: der Mensch darf wieder zu sich selbst zurückkehren und zwar auf eine Weise, die auf den ersten Blick rätselhaft erscheint, nämlich immer versehrter und heiler. Der scheinbare Gegensatz zwischen den Worten versehrter und heiler, läßt sich erklären , wenn man sich verdeutlicht, dass der Mensch verletzt werden muss, damit seine Wunden wieder heilen können, er "heiler" wird. Der Zustand nach der Heilung ist nicht der selbe wie der vor der Verletzung; nur dadurch, dass der Mensch die Kraft aufbringt, sich selbst zu heilen, entwickelt er sich. Hier tritt wieder das Motiv des Nichtverschontbleibens aus der zweiten Strophe auf. Nur im Kampf mit Katastrophen oder alltäglichen Widrigkeiten und ihrer Überwindung reift der Mensch und gewinnt eine neue Qualität, mit der er stets aufs neue zu sich selbst entlassen wird.


Vergleicht man das Gedicht "Bitte" von Hilde Domin z.B. mit dem Gedicht "Welt und Ich" von Friedrich Hebbel, so wird deutlich, wieviel passiver die Dichterin unserer Zeit, Hilde Domin, das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt und seinem Schicksal erlebt, als der Dichter des 19.Jahrhunderts Friedrich Hebbel. In dessen Gedicht geht der Impuls, bzw. die Aufforderung, sich mit der Welt zu vereinen, ganz vom lyrischen Ich aus. (...öffne deine innersten Organe / und mische dich im Leiden und Genießen / mit allen Strömen die vorüberfließen: / Dann dienst du dir und dienst dem höchsten Plane! 2.Strophe)

Bei Hilde Domin gibt es keine Wahl, die Menschen werden in diese Ströme des Lebens eingetaucht, ob sie wollen oder nicht. Entscheidend ist jedoch die Haltung des Menschen gegenüber dem, was er nicht ändern kann. In dem Gedicht "Bitte" wird der ungeheure Mut des lyrischen Ich deutlich, sich den Gewalten des Lebens zu stellen. Die Hoffnung des Menschen kann nicht darin bestehen, diesen Gewalten zu entrinne; nur indem er sie bedingungslos annimmt, ohne jedoch zum Fatalist zu werden, kann er auf eine Selbstfindung, eine Erfüllung seines Daseins hoffen.


Die "Bitte" ist eigentlich ein Gebet um Gnade, denn auch wenn wir uns dem Leben in seiner ganzen Härte stellen und nicht versuchen, dieser Härte durch oberflächliche Wünsche zu entfliehen, so können wir dennoch nicht sicher sein, ob die Bitte gehört wird, ob irgendeine göttliche Macht, an die sich das Gedicht vielleicht wendet, uns erhört.