Wir wollen diese Kategorien zur Erschließung des folgenden Gedichts von Hilde Domin (geb. 1912) benutzen:


Herbst


Das Haus der Vögel entlaubt sich.

Wir haben Angst vor dem Herbst.

Manche von uns

malen den Toten das Gesicht

wenn sie fortziehn.

Denn wir fürchten den Winter.


Eine alte Frau, die vor uns stand,

war unser Windschutz,

unser Julilaub,

unsere Mutter,

deren Tod

uns

entblößt.


(Hilde Domin, Studium (Jura, politische Wissenschaften, Soziologie, Philosophie), Promotion in Florenz, ab 1932 zweiundzwanzig Jahre im Exil (Italien, England, Lateinamerika), lebt in Heidelberg. (Hilde Domin: Wozu Lyrik heute? Serie Piper 65, München 1975)


Die Naturbilder dieses Gedichts gehören zu einem den europäischen Literaturen seit der Antike gemeinsamen Bildfeld, in dem die Sinnbezirke ,Jahreszeiten' als Bildspender und ,Lebensalter' als Bildempfänger verbunden sind. Der Kontext gibt dem Leser die nötige Hilfe, den "Herbst" (2) als das Alter, den "Winter" (6) als den Tod des Menschen zu verstehen, indem zweimal vom Tod die Rede ist (3-5, 11-13). Die Bildspanne zwischen den beiden Sinnbezirken ist dadurch gekennzeichnet, daß die Jahreszeiten sich wiederholen, also zyklisch sind, das Menschenleben aber nicht, es ist linear. Diese unverträglichen Bedeutungsmerkmale machen dem Leser keine Schwierigkeiten, weil der Text vom Herbst und Winter her nur auf den Sommer ("Julilaub" 9) zurückgreift, den Frühling als Erneuerung des Lebens aber ausspart.

Mitten zwischen den Naturbildern findet sich ein ganz anderes Bild: "Manche von uns malen den Toten das Gesicht..." (3/4). Bildspender ist hier der aus den USA bekannte Brauch, die Verstorbenen für die Totenfeier so herzurichten, daß sie wie lebendig aussehen. Das hart einsetzende "Denn", der Zeile 6 zeigt den Bildempfänger: Es ist unsere Angst vor dem Tod. Hier ist die Bildspanne so klein geworden, daß man eigentlich nicht mehr von ,Bild' sprechen kann. Der angeführte Brauch ist eher ein Symptom des gestörten Verhältnisses zum Tode, das hier als Beispiel dient.

Wie wird nun das Bedeutungsgefüge des Gedichts mit diesen Bildern aufgebaut? Wenn man dieser Frage nachgeht, kann man sehen, wie der Kontext die Wortbedeutungen ,konterdeterminiert', d. h. so verändert, daß sie etwas ,anderes' meinen. Beim "Haus der Vögel" denkt der Leser vielleicht an ein Nest, eine Baumhöhlung o. ä.. Das Verb "entlaubt" ruft aber die Vorstellung von Bäumen hervor, deren Blätter im Herbst abfallen. Das Bild hat jedoch zwei Bildempfänger, wie die Querverweisungen zeigen:

"entlaubt" (1) -> "entblößt" (13) und

"entlaubt" (1) -> "Julilaub" (9).

Auch die Zeile 5 ("wenn sie fortziehn") weist auf das Bild von Vögeln zurück, die im Herbst ihre Plätze verlassen. Das Bild meint nicht nur das menschliche Schicksal, im Herbst, d. h. im Alter, den Winter, d. h. den Tod, vor sich zu wissen. Es meint auch die Schutzlosigkeit des Menschen, die durch den Tod der Mutter entsteht. Auch sie ist Empfänger des Baumbildes: Wie der Baum für die Vögel, war die Mutter für ,uns' "Windschutz", "Julilaub". Wie die Vögel durch den Herbst schutzlos geworden sind, so sind ,wir' durch den Tod der Mutter "entblößt", "die vor uns stand" (7). D. h. sie stand schützend vor uns, sie ging aber auch vor uns in den Tod, dem wir dadurch nun näher gerückt sind (in "vor" ist die räumliche mit der zeitlichen Bedeutung verknüpft).

Nun können wir nach dem Modell auf S. 72 auch den inhaltlichen Aufbau des Gedichts bestimmen:


Ebene des Gehalts:

Thema und Problem des rechten Verhältnisses zu Alter und Tod. Dies kann nicht darin bestehen, sich im Schutz der Mutter sicher zu wähnen und die Zeichen des Todes zu ignorieren.


Ebene des Motivgefüges:

Motiv 1: Altern als Zugehen auf den Tod

Motiv 2: Angst vor Alter und Tod

Motiv 3: Die Mutter als schützende und bewahrende Person


Ebene der Einzelbilder:

Heimatloswerden der Vögel/Herbst und Winter als Alter und Tod/Herrichten der Verstorbenen/Mutter schützt den Menschen wie der Baum die Vögel/Tod der Mutter läßt ihn ohne Schutz zurück