Felix Berger(king) 24. Okt. 1998


Aufgabe 1:

Ordnen Sie die Textstelle in den Handlungszusammenhang ein.

Untersuchen Sie, wie hier die Beziehung zwischen Honorio und der Fürstin erzählerisch und sprachlich gestaltet ist.

Erläutern Sie, ausgehend von dieser Textstelle, worin nach Ihrem Verständnis die unerhörte Begebenheit besteht, die nach Goethes Auffassung den Kern einer Novelle ausmacht.


Die vorliegende Textstelle aus Johann Wolfgang von Goethes "Novelle", deren Titel gleichzeitig ihr Gattungsbegriff ist, beschreibt die Tötung des entflohenen Tigers und den anschließenden Dialog zwischen der Fürstin und Honorio. Diese Szene schließt an den Spazierritt an, der durch den Brand auf dem Markt jäh beendet wird. Der Oheim reitet in die Stadt zurück und läßt die junge Fürstin und Honorio allein. Die Fürstin ist durch den Brand völlig in ihrer Einbildungskraft gefangen, und durchleidet die Branderzählung des Oheims. Diese "furchtbaren Bilder" mischen sich nun mit dem Bild, das sie vom Tiger hat, und dramatisieren die Situation. Vorbereitet wurde die Tötung des Tigers schon auf dem Markt, wo die Bilder der Schausteller einen "grimmig ungeheure(n) Tiger" (Z 369) zeigten. Diese Bilder haben eine entscheidende Wirkung auf diese Szene, da der Fürstin und Honorio durch sie eine in dem Maß nicht vorhandene Gefahr vermittelt wird.

Der anschließende Dialog der beiden, in dem Honorio von seinen Gefühlen gegenüber der Fürstin übermannt wird, wurde ebenfalls schon vorbereitet: Der Satz "Und so war auch Honorio von der sonst so ersehnten Jagd willig zurückgeblieben, um ihr ausschließlich dienstlich zu sein" (Z. 308ff), zeigt schon zu Beginn des Spazierritts, wie sehr Honorio der Fürstin zugeneigt ist.

Im Anschluß an den Dialog zwischen Fürstin und Honorio folgt die Totenklage der Staustellerin, die dem Leser das hier geschehene Unrecht und die Unnötigkeit einer solchen Tat bewußt macht.

In der vorliegenden Textstelle wird zweimal die "Bändigung des Unbändigen" thematisiert:

Einmal in der Tötung des Tigers, bei der diese Bändigung nur auf gewaltsamem Wege erreicht wird, und ein zweites Mal in dem anschließenden Dialog in dem Honorio das Unbändige in sich, seine Leidenschaften überwinden muß. Die Tigertötung muß jedoch in einen größeren Zusammenhang eingeordnet werden: Analog zu den verschiedenen Kunstauffassungen, die Goethe in den Bildern der Schausteller darstellt, zeigt er in der Tigerszene die gewaltsame Art und in der Zähmung des Löwen die friedliche Art, das Unbändige zu zähmen und die Gegensätze miteinander zu versöhnen. Dabei wird klar, daß die gewaltsame Tigertötung eine direkte Folge der einseitigen, nur in sensationeller, effekthaschender Weise darstellenden Kunstauffassung der Bilder der Schausteller ist. Die Herangehensweise an die Themen "Kunst" und "Abwendung von Gefahr" werden also in einem sich bedingenden Chiasmus aneinandergereiht.

Goethe zeigt an zwei Beispielen, wie das harmonisierende Prinzip der Klassik umgesetzt werden kann. Dabei gelingt es ihm, die Beispiele miteinander zu verknüpfen und gleichzeitig eine Steigerung zu erzielen, die in der Tigertötung ihren Höhepunkt erreicht. Hier vollzieht sich die Peripetie von der dramatischen, handlungserfüllten Erzählung in die lyrisch, abklingende Erzählung des Schlußteils.


Hinsichtlich der Erzählform läßt sich der vorliegende Textausschnitt in zwei Teile gliedern:

1. Erzählung der Tigertötung (Z. 1 - 19)

2. Dialog zwischen Fürstin und Honorio (Z. 10 - 52)


Erzählerisch wird die Szene durch das Rittermotiv unterstützt, das durch zahlreiche Vergleiche und Gleichsetzungen in die Erzählung eingeführt wird. Die Handlung wird in knappen, aneinandergereihten Sätzen erzählt, wodurch die Momenthaftigkeit der Situation eingefangen wird. Der Satz " Der Jüngling war schön" ist zwar auf Aussage des personalen Erzählers, wird aber durch den Vergleich "wie ihn die Fürstin oft..."" auf die Fürstin bezogen. Der Erzähler tritt nun beim anschließenden Dialog völlig zurück, um eine größtmögliche Wirklichkeitsnähe zu erreichen und die Beziehung der Figuren möglichst ungetrübt darzustellen. Lediglich durch die Verben des Sagens (z.B. rufen" Z..) die er während des Dialoges einsetzt, läßt er Rückschlüsse auf den Gefühlszustand der Figuren zu und weist auf den Höhepunkt des Gespräches hin, den er durch die adverbiale Bestimmung der Art und Weise "mit glühender Wange" zusätzlich hervorhebt.

Sprachlich wird das Rittermotiv durch die Gleichsetzung von "Tiger" und "Ungeheuer", "Dame" und "Fürstin", und "Honorio" und "Ritter" umgesetzt. Die Beziehung von Honorio und Fürstin wird dadurch dem Minnedienst eines Ritters gleichgesetzt. Bestärkt wird dieses Bild durch die kniende Haltung, die Honorio gegenüber der Fürstin eingenommen hat und seinen Ungehorsam gegenüber ihrer wiederholten Aufforderung aufzustehen.

Erst nach mehrmaligem Zureden der Fürstin besinnt sich Honorio und wendet seine Gedanken von ihr ab. Er begreift, dass er die Leidenschaft überwinden muß , und bittet um eine Reise. Unterstrichen wird die Bitte durch die Aussage "schon so oft", die auch als onomatopoetische Andeutung des klagenden Ausrufs "oh" gesehen werden kann. Durch die Reise und durch den Abstand zur Fürstin hofft Honorio wahrscheinlich, eher überwinden zu können.

Der Gebrauch des Ritterbildes um die Beziehung zwischen Honorio und der Fürstin zu veranschaulichen, ist insofern sehr trefflich gewählt, da die ritterliche Liebe, die Minne, in der Regel eine unerreichbare und unpersönliche Liebe war, die wie Honorios Liebe zur Fürstin überwunden werden mußte.

In der vorliegenden Textstelle ereignen sich zwei Begebenheiten, die, jede auf ihrer Ebene, einen moralisierenden Aspekt haben: An der Tigertötung zeigt sich durch die Klage der Schauspielerin, daß die gewaltsame Abwendung dieser Gefahr falsch ist. In Honorios Liebe zur Fürstin wird die Überwindung und Entsagung an eine Reise geknüpft, die ihm dabei helfen soll. (Diese Selbstüberwindung und die Trennung von der Geliebten tragen stark autobiographische Züge Goethes, der aufgrund einer unerhörten Liebe zu einer verheirateten ,Frau, nach seiner Selbstüberwindung, die im Roman "Die Leiden des jungen Werther" dokumentiert ist, die Stadt Wetzlar verließ.

Im Anschluß an diese Szene folgt die Klage der Schauspielerin und das Eintreffen des Fürsten. Hier greift Goethe nun seine eigene Definition der Novelle "eine sich ereignete, unerhörte Begebenheit" in dem Satz, "So stand der Fürst vor dem seltsamen unerhörten Ereignis" auf.

Die Tigerszene stellt zweifellos den dramatischen Höhepunkt der Novelle dar, auf den die vorige Handlung ausgerichtet ist, Daß der Tiger letztlich getötet und nur gewaltsam überwunden wird, genügt dem Anspruch, daß sich die Begebenheit wirklich ereignet haben kann. "Unerhört" ist hauptsächlich die unerlaubte Liebe Honorios zur Fürstin, die in der Selbstüberwindung mündet.

Das Motiv der "Bändigung des Unbändigen" wird in diesem Ereignis zum Ausdruck gebracht.