Leistungskurs Deutsch (Baden-Württemberg): Abiturprüfung 1997

Aufgabe 5: Literarische Erörterung


Thema:

"Rollen geben uns Halt. -

Rollen behindern unsere Entfaltung.


Arbeitsanweisungen

Erörtern Sie diese beiden Thesen am Beispiel von Max Frischs Roman "Stiller".




Lösungsvorschlag in Grundzügen


Vorbemerkung

Ein konkreter offizieller Erwartungshorizont zu diesem Aufgabentyp wird traditionell nicht vorgegeben; d.h. daß den Prüflingen viel Freiheit bei ihren Ausführungen zu dieser Aufgabenstellung zugestanden wird. So versteht sich der vorgelegte Lösungsvorschlag noch mehr als bei den anderen Aufgaben als Vorschlag.

Der Schlüsselbegriff Rolle lenkt die Untersuchung sehr deutlich auf einen zentralen Motivkomplex des Romans wie des Gesamtwerks von Max Frisch: das Problem der Identitätsfindung, mit dem sich viele Figuren Frischs abmühen. Der erste Satz des Romans "Stiller" macht es bereits deutlich: "Ich bin nicht Stiller!" (S. 9)1. Da weigert sich einer, der zu sein, als den ihn seine soziale Umgebung sieht. Da will einer die Rolle nicht spielen, welche die Gesellschaft ihm zuschreibt. Es geht also um die Schwierigkeiten, die die Titelfigur des Romans mit ihrem Rollenverhalten und ihrem Rollenverständnis einerseits, sowie mit der Selbstfindung und Selbstannahme andererseits hat. In diesem Problemkreis wird sich folglich auch die Erörterung bewegen müssen.


1 Einleitung

Für Einleitungen die zum Thema führen, gibt es verschiedene Ansatzmöglichkeiten:

-Man kann die eigene Rolle als Schülerin bzw. als Schüler reflektieren und von da auf die Themenstellung hinleiten.

-Man kann genauso gut die Prüfungssituation reflektieren.

-Man kann das Thema noch umfassender angehen, denn soziale Rollen betreffen

jeden von uns.

-Man könnte auch von den Problemen mit der sozialen Rolle ausgehen und Beispiele

von Rollenkonflikten darstellen (Außenseiter, Sonderlinge, Menschen, die aus der

Rolle fallen, und ihre Probleme).

-Den Widerspruch zwischen Romantitel und Romananfang thematisieren.


1Die in Klammem gesetzten Seitenzahlen beziehen sich auf die Taschenbuchausgabe des Romans: Max Frisch, Stiller suhrkamp taschenbuch 105, 1973.


2 Erörterung


2.1 Zum Begriff Rolle

Soziale Rolle meint all diejenigen Verhaltenserwartungen bzw. Verhaltensmuster (Normen), die eine Gruppe bzw. die Gesellschaft an jedes Mitglied stellt. Die Erwartungen, denen es gerecht werden muß (oder sollte), richten sich dabei nach dem Status, den jemand in der Gruppe bzw. Gesellschaft hat. Die Erwartungen an eine Rolle bestehen zunächst unabhängig vom dem, der die Rolle ausfüllt (,spielt'). Er muß sie im Laufe der Sozialisation (dem Erwachsenwerden) lernen. Die Erwartungen von verschiedenen Gruppen an ein und dieselbe Person können sehr unterschiedlich, ja widersprüchlich sein, z. B. haben Eltern, Lehrer, Mitschüler und Freunde an die Schülerrolle verschiedene Erwartungen. Das Rollenlernen ist ein nie endender Prozeß, außerdem sind soziale Rollen einem Wandel unterworfen, den der einzelne in seiner Rolle erkennen und nachvollziehen muß.


2.2 Rollen geben uns Halt


2.2.1 Wer im Laufe seiner Sozialisation seine verschiedenen Rollen gut gelernt - sprich internalisiert - hat, dem können Rollen Halt geben:

- Er weiß, was er zu tun hat, wie er zu reagieren hat.

- Er "funktioniert" in der Gesellschaft.

- Wer die Rollenerwartungen erfüllt, der wird Anerkennung und Lob der Gruppe ernten und Erfolg haben.

- Rollen können in Konfliktsituationen Entscheidungshilfen geben.


2.2.2 Figuren des Romans, die ihre Rollen ,gut gelernt' haben und denen sie folglich Halt geben.

-Rolf und Sibylle lernen neue (Elternrolle) bzw. veränderte Rollen (als Mann und als Frau, als Ehepartner) und können damit ihre Ehekrise überwinden und Halt finden. Dies gilt vor allem für die zweite Hälfte des Romans. Insbesondere Sibylle findet in ihre Selbständigkeit und damit zu Rolf zurück, sie zwingt ihm ihre Vorstellungen von Ehe auf. Rolf lernt es in Genua (S. 202-218) und Sybille in Amerika (S. 308- 313).

-Stillers Bruder Winfried, der als Bruder Hilfe gibt, sich kein Bildnis von Stiller macht, sondern ihm glaubt und ihn ernst nimmt.

-Der Gefängniswärter Knobel, Stillers Pflichtverteidiger Dr. Bohnenblust als angepaßter Schweizer, Architekt Sturzenegger, der aalglatte Gesellschaftsmensch.


2.2.3 Stiller kann durch Rollen keinen Halt finden

Stiller thematisiert sein Rollen-Problem selbst. Er nennt beide in der Aufgabenstellung genannten Aspekte: Halt durch die Rolle, Einengung durch die Rolle:

- "... eine Rolle spielen, die ihnen passen möchte, aber mit mir nichts zu tun hat..." (S. 9),

- "... was sie mir anbieten, ist Flucht nicht Freiheit, Flucht ist eine Rolle ..." (S. 49),

- "... dazu verdammt, eine Rolle zu spielen" (S. 84).


Sein Problem:

- die Rollen, die die Gesellschaft ihm zuschreibt, will er nicht annehmen,

- die Rollen, in denen er sich gerne sieht, kann er nicht ausfallen: Sybille ("kein Mensch erwartet, daß du ein Held bist" (S. 254-270) und Rolf (Selbstüberforderung (S. 321 u. a.) sagen ihm das.


Bildnisproblematik: Stiller macht sich ein Bild - von sich und von Julika - das mit der Realität nicht übereinstimmt.


Rollenverweigerung: Schon der erste Satz des Romans macht dies deutlich: "Ich bin nicht Stiller" (S. 9). Stiller will nicht der sein, als den ihn sein soziales Umfeld sieht:

- der sensible und erfolgreiche Künstler und Bildhauer Anatol Stiller,

- der glückliche Ehemann von Julika,

- der idealistische Kriegsfreiwillige im spanischen Bürgerkrieg, der nicht töten wollte.


Stiller sieht sich in allen drei Rollen als Versager, glaubt den Erwartungen nicht genügen zu können. Konsequenz:

- Er zerstört bei einem Lokaltermin im Atelier alle seine Arbeiten.

- Minderwertigkeitsgefühle und Impotenzphantasien ("stinkender Fisch ..., das Gewehr, das nicht schießt..." S. 269).

- Er sieht sich als Feigling und Verräter, als einer der den Tod suchte und nicht den Befreiungskampf.


Rollen, in denen sich Stiller gerne sieht:

- der tapfere Bürgerkriegsheld (er erzählt die Anekdote auf jeder Gesellschaft).

- der Mann, der Julika von ihrer Gefühlskälte befreien kann ("er hat sie sich zur Aufgabe gemacht", S. 149),

- fiktive Rollen in den Geschichten, die er Knobel erzählt: der harte und überlegende Abenteurer und Cowboy, der Frauenheld.


Stillers Konfliktlösungsstrategie: Flucht und Untertauchen in den USA. Neue Identität und neue Rolle als James Larkins White (Tabula-rasa-Motiv). Doch auch das bringt keine Lösung. Extremste Form der Rollenverweigerung und zugleich des Versagens: der mißlungene Selbstmordversuch und die Rückkehr nach Europa als White.


  1. Rollen behindern unsere Entwicklung

Jede Rolle hat ein starkes Moment der Fremdbestimmung, da die Rollenerwartungen nicht oder nur begrenzt vom Rolleninhaber mitbestimmt werden können. Die Bildung der Rollenerwartungen und auch deren Änderung ist ein gesellschaftlicher, meist langwieriger Prozeß (Beispiel: Kind-, Schüler-, Eltern-, Lehrer-Rollen im Laufe der vergangenen zwanzig Jahre) Das empfindet auch Stiller so.

Man kann sich viele Rollen nicht aussuchen, lernt sie im Laufe des Erwachsenwerdens.

Da man in vielen Rollen steckt, sind Rollenkonflikte vorprogrammiert (Bsp. Eltern, die auch Lehrer und damit Kollegen sind). Rollen können den Inhaber in der Ausübung einer Rolle behindern, es ihm schwer oder unmöglich machen.

"Aus der Rolle fallen", d.h. Enttäuschung bzw. Nichterfüllung der Rollenerwartung wird gesellschaftlich sanktioniert, setzt den einzelnen psychisch unter Druck; es kann bis zum Scheitern eines Lebens(laufes) gehen, d. h. jemand wird dabei aus der Bahn geworfen und findet nicht mehr in ein normales Leben zurück (das Schicksal vieler sogenannter Wohnsitz- und Obdachloser).

Stiller ist das Beispiel eines solchen gescheiterten Lebens (Selbstmordversuch, Versuch eines Neuanfangs), z.T. weil er seiner Rolle nicht entsprechen wollte ("... das könnte ihnen so passen ...... S. 9), z. T. weil er etwas sein wollte, was er nicht wirklich sein konnte (Selbstüberforderung nennt es Rolf (S. 204-208), Stiller der sich Julika zur 'Aufgabe' gemacht hat).

Stiller hat sich von Julika ,ein Bild' gemacht (sein Beruf ist Bildhauer), dem er die Wirklichkeit anpassen will. Sie darf nicht sein, was und wie sie ist. Dies führt zu Flucht in die Krankheit. Als Stiller verschwindet, wird sie gesund, als er wieder auftaucht, wird sie wieder krank.

Das gleiche machen Julika und die anderen mit dem zurückkehrenden Stiller. Er darf nicht White sein, die anderen drängen ihm die Stiller-Rolle auf und verweigern ihm die White-Rolle.

In welche Richtung sich Stiller vor oder nach seiner Flucht hätte entfalten können, bleibt im Roman undeutlich.

Rolf fühlt sich als "moderner Mensch" (S. 209) durch eine Rolle als normaler, bürgerlicher Ehemann eingeengt und hat eine eigene "Männer-Theorie" (S. 209), wie Sybille sagt, dazu, d. h. er will sich eine eigene Rolle schreiben'. Er scheitert und muß die Vorstellung Sybilles akzeptieren.


3 Zusammenfassung und Schluß

Stiller ist ein Mensch, der im wesentlichen an seinen Rollen scheitert oder zerbricht. Sie geben ihm nicht den nötigen Halt. Er fühlt sich eher eingeengt, behindert, deshalb seine Flucht. Das Beharren seiner Mitmenschen auf den alten Rollenerwartungen an Stiller verhindern einen Neuanfang, so daß er schließlich resigniert aufgibt. Andere Figuren haben mit ihrer Rolle keine Probleme oder können sie lösen. Winfried und auch der Wärter Knobel durch ihr schlichtes (naives) Akzeptieren der ihnen zugewiesenen Rollen, Bohnenblust und Sturzenegger durch eine unreflektierte Haltung dazu. Sybille und Rolf finden sich durch eine geänderte Einstellung in ihrer Rolle als Ehepartner zurecht.

Eventuell kann auch ein Ausblick auf die Bildnis- und Rollenproblematik in anderen Werken Max Frischs (Homo faber oder Mein Name sei Gantenbein) gegeben werden._ Leistungskurs



Deutsch (Baden-Württemberg): Abiturprüfung 1997

Aufgabe 4: Texterörterung



Thema: Ernst Peter Fischer, Ist die Wahrheit dem Menschen zumutbar? (gekürzt)


"Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar." So überschrieb Ingeborg Bachmann im Jahre 1959 ihre kurze Rede, mit der sie sich für die Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden bedankte....


Der Satz von Ingeborg Bachmann hat mich seit dieser Zeit fasziniert, und zwar durch die

5 beiden Schwerpunkte, die er nennt, also die Wahrheit auf der einen und die Menschen auf der anderen Seite. Die Aufmerksamkeit des Philosophie-Lehrers konzentrierte sich im Unterricht vornehmlich auf die Frage, was denn die Wahrheit sei und wie wir davon erfahren könnten. Wir haben leider nie genauer erörtert, wer denn die Menschen sind, denen die Wahrheit zugemutet werden soll....


10Die Selbstbefreiung durch das Wissen, die von der Aufklärung im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts gefordert und vielleicht auch erreicht wurde, "der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit", wie Immanuel Kant es 1784 auf klassische Weise formuliert hat, mag zwar dem Philosophen der Aufklärung gelingen, den wir oben zitiert haben, aber inwieweit dieser Umschichtungsprozeß, den der alte Kontinent damals durchmachte, im 15Volk bei den kleinen Leuten eine Rolle spielt und welche dies im Detail ist, bleibt unbekannt, umstritten und schwierig. Als Indiz für diese Problematik reicht der Hinweis auf die Preisfrage der Berliner Akademie der Künste aus dem Jahre 1780, die wissen wollte, ob es nicht sinnvoll sein könne, das Volk zu täuschen, und ob es vielleicht nützlich wäre, es in alten Irrtümern zu erhalten und zu neuen zu verleiten.


20Die Mittel, das Volk zu täuschen oder aufzuklären, sind heute sicher effektiver als damals. Wir leben in einem Meer von Medien, und zumindest das lesende Publikum ist noch nie mit so viel Informationen versorgt worden wie in unseren Tagen. Diese Informationen sind darüber hinaus durch die Fortschritte der Wissenschaft immer brisanter geworden, sie betreffen - etwa im Rahmen der genetischen Diagnostik - die Menschen zugleich tiefer und umfassender, und 25wir müssen die Frage der Berliner Akademie neu stellen. Wir wollen dies nicht so direkt und eher vornehmer tun, indem wir einfach den Satz von Ingeborg Bachmann in die Form der Frage kleiden. Sind die Ergebnisse der Wissenschaft, ist die Wahrheit den vielen Menschen heute tatsächlich noch zumutbar? Werden wir mit dem Wissen fertig, das uns täglich geliefert wird? Wie weit kann die - Aufklärung der kleinen Leute gehen? Wie können sie mit 30Informationen-etwa zum Zustand der Umwelt, der Entwicklung des Klimas oder zur Höhe der Staatsverschuldung - fertig werden, über deren "Wahrheit" und Bedeutung selbst die Experten streiten?


Es scheint mir charakteristisch für unsere Zeit zu sein, daß wir inzwischen weniger um die Möglichkeit des Wissens und mehr über das Recht auf Nichtwissen streiten, wie es etwa Herr 35Jonas im Zusammenhang mit der neuen Biologie allgemein einfuhren möchte und wie es viele Ärzte schon länger bei einer infausten Prognose speziell für die lebensbedrohlich Erkrankten anerkannt haben. Können wir den Leuten wirklich zumuten zu wissen, wieviel Uran in ihrem Garten steckt, wie viele Salmonellen oft in Eiern verborgen sind, wieviel Viren einen Salatkopf garnieren und wieviel manipulierte Zellen in einem Glas Hefeweizen schwimmen? 40Oder sollten wir ihnen diese Wahrheiten vielleicht lieber doch nicht zumuten?


Ich nenne noch ein praktisches Beispiel: Als zu Beginn der sechziger Jahre die große Impfaktion gegen die Kinderlähmung organisiert und durchgeführt wurde, setzte man als Impfstoff eine abgeschwächte Form des Polio-Virus ein. Wie man heute weiß, unterschied sich das zur Prävention eingesetzte Virus nur um zwei lächerliche Mutationen von der 45gefährlichen Variante mit ihren verheerenden Folgen. Was hätte man davon damals den Menschen sagen dürfen? Wem hätte man diese Wahrheit zumuten dürfen, und wer hätte es mit diesen Kenntnissen noch gewagt, die Impfaktion auf den Weg zu bringen, die doch - wie man heute im Schutze der Zeit weiß - äußerst erfolgreich war?


Die Wissenschaft und die Aufklärung versuchen, den blinden Zufall durch die sehende 50Auswahl zu ersetzen. Sie vertreiben uns aus dem Paradies des Unwissens, in dem wir uns eigentlich geborgen fühlen. Ist das den Menschen wirklich zumutbar?


In: Mannheimer Gespräche, 1992 IDenkanstöße '94


Worterläuterung

Z. 36: infauste Prognose - medizinisch ungünstige Prognose


Arbeitsanweisungen

Arbeiten Sie die beiden Grundeinstellungen zur Wahrheit heraus, die im Text thematisiert werden.

Erörtern Sie, inwieweit in unserer Zeit "die Wahrheit dem Menschen zumutbar" ist.



Lösungsvorschlag in Grundzügen


1 Einleitung

Die Erörterung sollte auf alle Fälle mit einer Einleitung eröffnet werden die zum Kernproblem des Textausschnittes hinführt und dabei das Thema anreißt. Dazu sollte einmal das Problem erfaßt und knapp benannt und dann an einem Beispiel erläutert werden.

Zur Problematik des Textes: Es geht in dem Text um Wahrheit, und zwar nicht so sehr inhaltlich, sondern vielmehr um den Umgang mit Wahrheit - oder was dafür ausgegeben wird. Der Verfasser wirft dabei auch die Frage auf, ob wir in der heutigen Gesellschaft eventuell vor der Wahrheit bzw. gewissen Wahrheiten geschätzt werden sollten, weil wir sie möglicherweise nicht mehr verkraften können. Damit würde das begehrte Ziel aller aufklärerischen Bemühungen und alles wissenschaftlichen Strebens von einer Verheißung zu einer Bedrohung.


Es lassen sich genügend geeignete Beispiele aus dem öffentlichen Bereich finden, an denen man dann das oben Gesagte verdeutlichen kann:

- unterschiedliche Information über den Reaktorunfall in Tschernobyl in Frankreich und Deutschland,

- Informationspolitik der britischen Regierung im Zusammenhang mit BSE,

- Urteil des Europäischen Gerichtshofes in der Frage der Kennzeichnung genmanipulierter Produkte in der Landwirtschaft.


2 Textanalyse


2.1 Textaufbau und Gedankengang


Z. 1-3: Die in der Überschrift gestellte Frage wird hier als ein Zitat Ingeborg Bachmanns mit dem dazugehörigen Kontext erkennbar.

Z. 5-9: Die zwei Schwerpunkte des Themas: Wahrheit als Inhalt und der Mensch als Adressat werfen zwei Fragen auf:

- Was ist Wahrheit?

- Wer ist der Mensch, dem sie zugemutet werden soll?

Z. 10- 14: Hinführung zum Thema: Der Wahrheitsbegriff der Aufklärung meint vor allem eine philosophische Wahrheit:

- Selbstbefreiung durch Wissen

- Befreiung des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit

Z. 15-16: Kritik an dieser Position: Auswirkung der Aufklärung auf die kleinen Leute ist nicht genau erforscht bzw. umstritten

Z. 17-19: Beweis: die Preisfrage der Berliner Akademie: "...ob es nützlich sein könne, das Volk zu täuschen ... ob es nützlich sein könne, es in alten Irrtümern zu halten ..." Mit anderen Worten: Ist die Aufklärungs-Wahrheit für alle Volksschichten gleich gut?

Z. 20-25: Gegenwartsbezug: Mittel und Möglichkeiten, das Volk zu täuschen, sind heute vielfältiger und effektiver, vor allem durch die Massenmedien. Informationen betreffen den Menschen quantitativ (Massenmedien, Informationsflut) und qualitativ (Fortschritte der Wissenschaft) tiefergreifender, existentieller.

Z. 25-27: Schlußfolgerung für den Verfasser: Die Frage der Berliner Akademie muß

erneut gestellt werden, nämlich als das in die Frageform gekleidete Bachmann-Zitat.

Z. 27-32: Dies wird nun in vier Fragen genauer gefaßt:

-Ist die Wahrheit (die Ergebnisse der Wissenschaften) vielen tatsächlich noch zumutbar?

-Werden wir mit der täglichen Informationsflut wirklich noch fertig oder sind wir überfordert?

-Gibt es Grenzen für die Aufklärung (Information) der kleinen Leute?

-Können sie Informationen Oberhaupt verarbeiten, die inhaltlich und in ihrer Bedeutung bei Experten umstritten sind?

Z. 33-41: Der Verfasser bezieht sich erneut auf die konkrete gegenwärtige Situation. Danach rangiert heute ein ,Recht auf Nichtwissen' vor einem Recht auf Wissen bzw. Information. Dafür nennt er als Beispiele:

- Jonas und die neue Biologie (Z. 35)

- Ärzte, die eine infauste Prognose stellen müßten (Z. 36)

- eine Reihe von Beispielen aus dem Bereich Umweltverschmutzung/ Umweltgifte

Z. 42 - 49: An einem konkreten und ausführlichen Beispiel (Impfrisiken bei der Polioimpfaktion Ende der sechziger Jahre) verweist er nochmals auf die eingangs des Textes genannten Schwerpunkte der Themenfrage: Wahrheit und Mensch (für den die Wahrheit bestimmt ist), und zwar in einer weiteren Reihe von Fragen:

- Wieviel hätte man damals über die bekannten Risiken sagen dürfen?

- Wem hätte man diese Informationen zumuten dürfen?

- Wer hätte dann die (sehr erfolgreiche) Impfaktion Oberhaupt noch zustande gebracht?

Z. 50-52: Im letzten Abschnitt bringt der Verfasser die Gegensätze nochmals auf den Punkt: Wissen heißt, den Zufall durch eine bewußtes und gewolltes Handeln zu ersetzen. Nichtwissen wird zu einem paradiesischen Zustand, der Sicherheit und Geborgenheit vermittelt.


2.2 Textcharakteristik

Auffälligstes Merkmal des Textes sind die vielen Fragen, die in ihm gestellt werden. Mit zehn Fragesätzen stellt der Autor bisher als selbstverständlich Hingenommenes radikal in Frage:..

- bereits in der Überschrift die These Ingeborg Bachmanns,

- das Recht der Bürger auf Information bzw. die Informationspflicht der Medien,

- den Kreis der Informierten/Wissenden (alle oder nur dazu qualifizierte),

- die bisher vorausgesetzte psychische Belastbarkeit des Einzelnen in einer Zeit der Reiz- und Informationsüberflutung,

- den Stellenwert von Aufklärung und Wissen in unserer Gesellschaft,

- den Stellenwert der bisher unangefochten positiv bewerteten Wahrheit.

Genauso auffällig ist, daß der Verfasser keine definitiven Antworten gibt. In vielen seiner Aussagesätze nimmt er den Aussagewert seiner Prädikate wieder zurück, schränkt ihn in verschiedener Weise wieder ein oder schwächt ihn zumindest ab: "sicher" (Z. 20); "... es scheint mir..." (Z. 33); "wirklich" (Z. 37); "sollten wir vielleicht" (Z. 40); "eigentlich" (Z. 52).

Dadurch werden Antworten nur angedeutet, bleiben in der Schwebe, unentschieden. Das muß kein Mangel sein, sondern kann auch produktiv wirken. Der Leser selbst muß sich nämlich entscheiden und eine Antwort finden, z. B. auch die Schülerin, der Schüler, die/der sich in seinem Abituraufsatz mit dem Text auseinandersetzt. Die genannte Charakteristik des Textes ergibt sich aus dem Kontext, aus dem er stammt: Denkanstöße will er geben, mehr nicht.


2.3 Die beiden Grundeinstellungen

Die erste Arbeitsanweisung verlangt keine explizite Auseinandersetzung mit dem Wahrheitsbegriff, das wird nicht erwartet und das gibt der Text auch gar nicht her. Um aber die Grundeinstellungen zur Wahrheit darstellen zu können, sollte man doch kurz den Begriff von Wahrheit klären, der im Text auftaucht.

Hier wird, abgeleitet vom aufklärerischen Anspruch, Wahrheit im Sinne eines objektiven, wissenschaftlich fundierten Wissens- oder Kenntnisstandes zu einem Problem verwendet. In diesem Sinne sollte Aufklärung auch Selbstbefreiung von Vorurteilen und übernommenen Meinungen betreiben. In der heutigen Zeit verschwimmt der Begriff Wahrheit immer mehr mit einer von Wissenschaftlern geäußerten und auch begründeten Meinung. In problematischen Bereichen wissenschaftlicher Forschung kann es oft "mehrere", einander sogar widersprechende Wahrheiten geben.

Die beiden Grundeinstellungen lassen sich leicht aus dem Textanfang und -schluß herleiten.


2.3.1 Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar

Um diese Position darzustellen, können die folgenden, im Text vorgetragenen Gesichtspunkte herangezogen werden:

-Recht auf Wissen, Information und Aufklärung,

-Selbstbefreiung durch Wissen,

-Zustand der Mündigkeit und damit eigenverantwortlichem Handeln,

-Fortschritte in der Wissenschaft sind heute tiefgehender, umfassender,

-sie betreffen den einzelnen intensiver, d. h. existentieller,

-deshalb hat er ein Recht auf Information, Wahrheit und Wissen,

-Möglichkeiten zur Aufklärung sind heute vielfältiger und effektiver denn je und erleichtern die Information der Öffentlichkeit,

-Ziel der Wissenschaft ist, die sehende Auswahl zu ermöglichen, d. h. der Mensch muß wissen, um entscheiden und handeln zu können,

-Aufklärung und damit Verbreitung der Wahrheit wird gleichgesetzt mit einem Prozeß der "Vertreibung aus einem Paradies der Unwissenheit" (Z. 51).


2.3.2 Die Wahrheit ist dem Menschen nicht zumutbar

Diese Position kann mit folgenden Gesichtspunkten dargestellt werden, die im Text vorgetragen werden:

-Der moderne Mensch hat ein Recht auf Nicht-Wissen.

-Wahrheit ist nicht für alle zumutbar, insbesondere nicht für das einfache Volk, ein Position, die sich aus der Aufklärungszeit herleiten läßt.

-Recht auf Nicht-Wissen entspricht damit einer freiwilligen Unmündigkeit.

-Die Fortschritte und Erkenntnisse in den Wissenschaften verunsichern die Menschen zunehmend, sie sind überfordert.

-Viele Wahrheiten können nicht mehr verkraftet werden.

-die Möglichkeiten der Medien erleichtern Täuschung, Manipulation und Desinformation.

-Nicht alle Wahrheiten sind von allen Menschen gleich gut zu verkraften.

-Die "kleinen" Leute sollen nicht alles wissen, z. B. Poli-Impfung.

-Informationsflut überfordert den einzelnen.

-Wahrheit ist in manchen Bereichen umstritten.

-Wahrheit belastet, beunruhigt.

-Nicht-Wissen ist ein paradiesischer Zustand, der Geborgenheit und Sicherheit schafft.


3 Erörterung

Die Formulierung der Arbeitsanweisung verlangt eine differenzierte Sicht der Zumutbarkeit von Wahrheit. Inwieweit verlangt sie eine Grenzziehung, d. h. es muß auch aufgezeigt werden, wo die Unzumutbarkeit beginnt. Es bietet sich an, noch kurz auf den Begriff zumutbar' einzugehen, bevor man in die eigentliche Erörterung einsteigt. Dabei kann man von einzelnen Gedanken, Thesen oder Beispielen des Textes auszugehen, insbesondere von den vielen offenen Fragen, die er stellt.


3.1 Zum Begriff "zumutbar"

Zumutung meint ein rücksichtsloses Verhalten anderer, ein unbescheidenes, ungerechtfertigtes Verlangen, eine ungerechte Forderung. Eine Zumutung weist man in der Regel mit Recht zurück bzw. man verwahrt sich dagegen.

Das Zumutbare dagegen markiert bereits den Bereich, in dem ein Ansinnen, ein Verlangen eine Forderung, auch wenn sie unbequem sind, nicht mehr als unbillig, unverschämt oder ungerechtfertigt zurückgewiesen werden können. Man erwartet, daß etwas Zumutbares akzeptiert werden kann und muß. Eine zumutbare Wahrheit ist folglich ein Wissen, ein Inhalt, dem man sich aus rationalen oder aus ethischen Gründen nicht verschließen und dessen Kenntnisnahme man erwarten kann.


3.2 Einzelne Gedanken bzw. Fragen des Textes als Ausgangspunkte einer Erörterung


3.2.1 Die Wahrheit ist dem Menschen uneingeschränkt zumutbar

Argumente dafür:

-Der Kontext des Bachmann-Zitates - Kriegsblinde' - assoziiert unbequeme, problematische Wahrheiten, z. B. Wahrheiten über den Krieg.

-Bei Ingeborg Bachmann gilt die These uneingeschränkt, was den Inhalt der Wahrheit und was deren Adressaten betrifft: Jeder muß die volle Wahrheit erfahren und ertragen können.

-In Fällen gemeinsamer Verantwortung oder Schuld kann es kein Recht auf Nichtwissen geben; man darf die Augen nicht einfach vor der Wahrheit schließen.

-Recht auf Wissen' wird dann sogar zur Pflicht zum Wissen', z. B.

* Diskussion um die Wehrmachtsausstellung' und die Rolle der Wehrmacht im Krieg

* die von den Alliierten vielerorts erzwungene Kenntnisnahme der KZ-Realitität durch die Bevölkerung.

* die noch immer zu beobachtende hartnäckige Leugnung der Kriegsverbrechen und der Massenvernichtung (Stichwort: Auschwitz-Lüge).


Problematische Aspekte:

- Die uneingeschränkte Zumutbarkeit der Wahrheit verlangt allerdings den mündigen Bürger (auch im Sinne der Aufklärung), der informiert ist, der selbstverantwortlich handeln und entscheiden will.

- Gefahr ,manipulierter Wahrheit' durch die Medien und ihre Möglichkeiten.


  1. Die Wahrheit ist den Menschen nur eingeschränkt zumutbar

Kompetenzproblem:

Wer entscheidet, wem wieviel Wahrheit offenbart oder vorenthalten werden soll? Der einzelne (z.B. freiwillig durch Informationsverzicht einem Arzt gegenüber), Institutionen oder der Staat?


Einschränkung in zweierlei Hinsicht:


Inhaltliche Einschränkung

Argumente dafür:

-Überschwemmung mit Informationen aller Art ist die alltägliche Erfahrung eines jeden.

-Gefahr der Überforderung durch die Masse an Information.

-Gefahr der Überforderung durch den Inhalt der Wahrheit:


Folgen:

- Überforderung lähmt die Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit,

- Überforderung führt zu Verunsicherung und Überreaktionen (gar keine Impfung statt Impfrisiko, Schaden für eine ganze Branche durch den BSE-Skandal usw.).


Adressatenbezogene Einschränkung

Argument dafür:

Gefahr der Massenhysterie bzw. von Panikreaktionen bei unangenehmen oder bedrohlichen Wahrheiten.

Problematische Aspekte:

Bedeutet Einteilung der Menschen in solche, welche die Wahrheit ertragen können, und solche, die das nicht können (Frage der Kompetenz).


3.2.3 Die Wahrheit ist den Menschen nicht zumutbar ("Recht auf Nichtwissen", Z. 34) Argumente dafür:

- Überforderung der meisten Menschen durch den "raschen und immer tiefergehenden Fortschritt in der Wissenschaft" (Z. 24 f.).

- Bietet psychische Entlastung für den einzelnen (z. B. in der Umweltproblematik).

- Gibt das Gefühl der "Sicherheit und Geborgenheit" (Z. 51 f.).


Problematische Aspekte:

- Unwissenheit als paradiesischer Zustand bietet einen fragwürdigen Schutz; Ahnungslosigkeit kann zwar entlasten, bietet aber keine Sicherheit, denn die Gefahren bestehen dadurch ja immer noch.

- Kann nur eine freiwillige Entscheidung des einzelnen sein.

- Kommt einer freiwilligen oder erzwungenen Entmündigung (im Sinne der Aufklärung) gleich.

- Unwissenheit macht abhängig von den Wissenden.



Leistungskurs Deutsch (Baden-Württemberg): Abiturprüfung 1997

Aufgabe 3: Textinterpretation



Thema: Johannes Bobrowski (1917-1965), Mäusefest


Moise Trumpeter sitzt auf dem Stühlchen in der Ladenecke. Der Laden ist klein, und er ist leer. Wahrscheinlich weil die Sonne, die immer hereinkommt, Platz braucht und der Mond auch. Der kommt auch immer herein, wenn er vorbeigeht. Der Mond also auch. Er ist hereingekommen, der Mond, zur Tür herein, die Ladenklingel hat sich nur einmal und 5 ganz leise nur gerührt, aber vielleicht gar nicht, weil der Mond hereinkam, sondern weil die Mäuschen so laufen und herumtanzen auf den dünnen Dielenbrettern. Der Mond ist also gekommen, und Moise hat Guten Abend, Mond! gesagt, und nun sehen sie beide den Mäuschen zu.

Das ist aber auch jeden Tag anders mit den Mäusen, mal tanzen sie so und mal so, und 10 alles mit vier Beinen, einem spitzen Kopf und einem dünnen Schwänzchen.

Aber lieber Mond, sagt Moise, das ist längst nicht alles, da haben sie noch so ein Körperchen, und was da alles drin ist! Aber das kannst du vielleicht nicht verstehen, und außerdem ist es gar nicht jeden Tag anders, sondern immer genau dasselbe, und das, denk ich, ist gerade so sehr verwunderlich. Es wird schon eher so sein, daß du jeden Tag anders 15 bist, obwohl du doch immer durch die gleiche Tür kommst und es immer dunkel ist, bevor du hier Platz genommen hast. Aber nun sei still und paß gut auf. Siehst du, es ist immer dasselbe.

Moise hat eine Brotrinde vor seine Füße fallen lassen, da huschen die Mäuschen näher, ein Streckchen um das andere, einige richten sich sogar auf und schnuppern ein bißchen 20 in die Luft. Siehst du, so ist es. Immer dasselbe.

Da sitzen die beiden Alten und freuen sich und hören zuerst gar nicht, daß die Ladentür aufgegangen ist. Nur die Mäuse haben es gleich gehört und sind fort, ganz fort und so schnell, daß man nicht sagen kann, wohin sie gelaufen sind.

In der Tür steht ein Soldat, ein Deutscher. Moise hat gute Augen, er sieht: ein junger 25 Mensch, so ein Schuljunge, der eigentlich gar nicht weiß, was er hier wollte, jetzt, wo er in der Tür steht. Mal sehen, wie das Judenvolk haust, wird er sich draußen gedacht haben. Aber jetzt sitzt da ein alter Jude auf seinem Stühlchen, und der Laden ist hell vom Mondlicht. Wenn Se mechten hereintreten, Herr Leitnantleben, sagt Moise.

Der Junge schließt die Tür. Er wundert sich gar nicht, daß der Jude Deutsch kann, er steht 30 so da, und als Moise sich erhebt und sagt: Kommen Se man, andern Stuhl hab ich nicht, sagt er: Danke, ich kann stehen, aber er macht ein paar Schritte, bis in die Mitte des Ladens, und dann noch drei Schritte auf den Stuhl zu. Und da Moise noch einmal zum Sitzen auffordert, setzt er sich auch.

Jetzt sind Se mal ganz still, sagt Moise und lehnt sich an die Wand.

35 Die Brotrinde liegt noch immer da, und, siehst du, da kommen auch die Mäuse wieder. Wie vorher, gar nicht ein bißchen langsamer, genau wie vorher, ein Stückchen, noch ein Stückchen, mit Aufrichten und Schnuppern und einem ganz winzigen Schnaufer, den nur Moise hört und vielleicht der Mond auch. Ganz genau wie vorher.

Und nun haben sie die Rinde wiedergefunden. Ein Mäusefest, in kleinem Rahmen, ver40 steht sich, nichts Besonderes, aber auch nicht ganz alltäglich.

Da sitzt man und sieht zu. Der Krieg ist schon ein paar Tage alt. Das Land heißt Polen. Es ist ganz flach und sandig. Die Straßen sind schlecht, und es gibt viele Kinder hier. Was soll man da noch reden? Die Deutschen sind gekommen, unzählig viele, einer sitzt hier im Judenladen, ein ganz junger, ein Milchbart. Er hat eine Mutter in Deutschland und 45 einen Vater, auch noch in Deutschland, und zwei kleine Schwestern. Nun kommt man also in der Weit herum, wird er denken, jetzt ist man in Polen, und später vielleicht fährt man nach England, und dieses Polen hier ist ganz polnisch.

Der alte Jude lehnt an der Wand. Die Mäuse sind noch immer um ihre Rinde versammelt.

Wenn sie noch kleiner geworden ist, wird eine ältere Mäusemutter sie mit nach Hause 5o nehmen, und die anderen Mäuschen werden hinterherlaufen.

Weißt du, sagt der Mond zu Moise, ich muß noch ein bißchen weiter.

Und Moise weiß schon, daß es dem Mond unbehaglich ist, weil dieser Deutsche da herumsitzt. Was will er denn bloß? Also sagt Moise nur: Bleib du noch ein Weilchen.

Aber dafür erhebt sich der Soldat jetzt. Die Mäuse laufen davon, man weiß gar nicht, 55 wohin sie alle so schnell verschwinden können. Er überlegt, ob er Aufwiedersehen sagen soll, bleibt also einen Augenblick noch im Laden stehen und geht dann einfach hinaus. Moise sagt nichts, er wartet, daß der Mond zu sprechen anfängt. Die Mäuse sind fort, verschwunden. Mäuse können das.

Das war ein Deutscher, sagt der Mond, du weißt doch, was mit diesen Deutschen ist. Und 6o weil Moise noch immer so wie vorher an der Wand lehnt und gar nichts sagt, fährt er dringlicher fort: Weglaufen willst du nicht, verstecken willst du dich nicht, ach Moise. Das war ein Deutscher, das hast du doch gesehen. Sag mir bloß nicht, der Junge ist keiner, oder jedenfalls kein schlimmer. Das macht jetzt keinen Unterschied mehr. Wenn sie über Polen gekommen sind, wie wird es mit deinen Leuten gehn?

65 Ich hab gehört, sagt Moise.

Es ist jetzt ganz weiß im Laden. Das Licht füllt den Raum bis an die Tür in der Rückwand. Wo Moise lehnt, ganz weiß. daß man denkt, er werde immer mehr eins mit der Wand. Mit jedem Wort, das er sagt.

Ich weiß, sagt Moise, da hast du ganz recht, ich werd Ärger kriegen mit meinem Gott.


Arbeitsanweisung

Interpretieren Sie diesen Text.



Lösungsvorschlag in Grundzügen


Vorbemerkung

Die Aufgabenstellung ist sehr offen und deutet weder für die Textanalyse noch für die Interpretation eine Richtung an. So bleibt der Prüfling allein auf seine methodischen Kenntnisse verwiesen. Es empfiehlt sich daher, zuerst einmal den Inhalt und den Handlungsgang darzustellen, um dann weitere formale und inhaltliche Besonderheiten zu untersuchen. Danach wird man auf die sprachlichen und stilistischen Besonderheiten des Textes eingehen, um schließlich in einer abschließenden Interpretation alle Ergebnisse miteinander zu verbinden. Da der Text dieses Aufgabentyps und oft auch sein Verfasser den Schülerinnen und Schülern in der Regel unbekannt sind, darf man und wird man nicht mehr als eine textimmanente Interpretation erwarten.


1 Inhalt und Form

1.1 Handlungsaufbau

Z. 1 - 8: Einleitung und Ausgangssituation: Bereits in diesem kurzen Einleitungsteil der Erzählung treten - mit einer Ausnahme - die wichtigen Handlungsfiguren auf: Moise Trumpeter (Z. 1), der Mond (Z. 3) und die Mäuse (Z. 4), nur der deutsche Soldat (Z. 24) fehlt noch. Auch der Handlungsort - ein leerer Laden (Z. 1) - und die Zeit - nachts bei Mondschein (Z. 4) - werden genannt. Beide Angaben sind allerdings noch recht unbestimmt und werden an späterer Stelle konkretisiert: der Laden liegt in Polen (Z. 41) und es ist September 1939, kurz nach dem deutschen Überfall auf Polen.

Z. 9-20: Die nächtliche Idylle: Moise Trumpeter und der Mond unterhalten sich in freundschaftlicher Eintracht über das Verhalten (Z. 9- 16) und Aussehen (Z. 17-20) der Mäuse auf dem Dielenboden des Ladens. Dabei wird die Kontinuität dieses Vorgangs betont.

Z. 21 -40: Der deutsche Soldat: Die Ausgangssituation verändert sich - anfangs fast unbemerkt: die Mäuse verschwinden (Z. 22 f.), ein deutscher Soldat steht in der Türe (Z. 24). Der Leser erfährt, wie Moise ihn wahrnimmt und was ihm durch den Kopf geht (Z. 26 f.). Aufforderung an den Deutschen einzutreten (Z. 28) und sich zu setzen (Z. 30 f.). Trumpeter lockt die Mäuse wieder hervor und zeigt dem Besucher das Mäusefest (Z. 34 - 40).

Z. 41-56: Die Zerstörung der Idylle: Die bisherigen Ereignisse werden nun in einen größeren und historisch konkreten Rahmen gestellt, den Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen im September 1939 und Besetzung des Landes (Z. 41 -47); dabei erhält auch der Soldat einen konkreteren (familiären) Hintergrund. Der Blick des Erzählers geht dann zurück in den Laden (Z. 48-50) und der Mond will plötzlich weiterwandern (Z. 51). Da Moise den Grund kennt - die Anwesenheit des Deutschen - überredet er den Mond zum Bleiben (Z. 52 f.). Dann verläßt der deutsche Soldat den Laden und auch die Mäuse sind plötzlich verschwunden (Z. 54). Die "beiden Alten" sind wieder alleine.

Z. 57-69: Die Vorhaltungen des Mondes an Moise Trumpeter: Der Mond redet Moise ins Gewissen und macht ihm dabei die Bedeutung des nächtlichen Besuchers klar, der nicht allein gekommen ist, sondern als Teil einer feindlichen Besatzungsarmee. Er deutet die Gefahr an, die von den Deutschen für Moise und "seine Leute" ausgeht (Z. 59-64). Der Erzähler schildert Moise Trumpeters verändertes Aussehen und seine Einsicht in diese Realität und die bedrohliche Zukunft für ihn und alle Juden in Polen (Z. 65 - 69).


1.2 Gattungsspezifische Einordnung

Der Text zeigt bei aller gestalterischen Freiheit, die sich Bobrowski nimmt, deutliche Merkmale einer modernen Kurzgeschichte:

- mit knapp zwei Seiten hat der Text einen geringen Umfang,

- unvermittelter Erzähleinsatz ohne Vorgeschichte,

- expositorischer Charakter des ersten Abschnittes,

- Reduzierung der Handlung auf wenige Ereignisse und wenige Figuren,

- die Ereignisse verändern das Leben der Hauptfigur und sie selbst in entscheidender Weise (die Ausgangssituation und das Aussehen der Hauptfigur haben sich bis zum Ende der Geschichte radikal geändert),

- Dramatisierung der Handlung durch einen Wechsel zwischen Erzähl- und Dialogpassagen,

- dramatische Zuspitzung der Handlung bis zum Höhepunkt, der am Schluß der Geschichte liegt,

- offener Schluß.


1.3 Formale Besonderheiten

1.3.1 Die Kommunikationssituation

Die Kommunikationssituation ist einmal in der Beziehung Erzähler-Leser zu sehen. In dieser Hinsicht wird sie vor allem durch die vom Autor gewählte(n) Erzählperspektive(n) bestimmt (siehe dazu weiter unten). Auf der Handlungsebene liegt ein fiktives_ Gespräch der Hauptfigur Moise Trumpeter mit dem Mond vor. Wenn man genauer betrachtet, was der Mond sagt, so kann man ihn durchaus als ein alter ,ego', ein zweites Ich Trumpeters betrachten. Das Gespräch wird dann zum Selbstgespräch. Der Mond bietet dabei die realistischere Sicht der Ereignisse und spricht sozusagen das aus, was Moise nicht bzw. noch nicht wahrhaben will. Die Verwischung der Grenzen zwischen Mond und Moise wird durch das Spiel mit den Erzählperspektiven verstärkt. Von einer wirklichen Dialogsituation kann man eigentlich nur bei Moise und dem deutschen Soldaten sprechen, der allerdings nur einen Satz äußert.


1.3.2 Erzählsituation und -perspektiven

In der Geschichte findet man keine feste, durchgängige Erzählperspektive. Vielmehr variiert Bobrowski die Perspektiven aus denen das Geschehen geschildert wird bzw. durch welche die Gedanken der Figuren dem Leser jeweils dargeboten werden. Folgende Perspektiven lassen sich festmachen:

- Eine personale Erzählperspektive als die vorherrschende Sicht, aus der erzählt wird, und zwar hauptsächlich aus der Position der Hauptfigur Moise Trumpeter.

- Mit ihr vermischt sich die Sicht des Soldaten, wenn Trumpeter Vermutungen über dessen Gedanken wiedergibt ( z. B. Z. 25 f. und 55 f.).

- Bestimmte Ereignisse werden aus auktorialer Sicht erzählt, z. B. der Anfangsteil der Geschichte (Z. 1 -8), die Einordnung der Ereignisse in den historischen Zusammenhang oder die näheren Angaben zu den Lebensumständen des Soldaten(Z. 41 -50) oder die Äußerungen des Mondes (als eigenständige Figur betrachtet).


1.3.3 Weitere erzählerische Besonderheiten

Es fehlt die bei der wörtlichen Rede übliche Interpunktion, um diese Passagen kenntlich zu machen. Dadurch sind Erzähler- und Figuren-Rede formal nicht mehr streng getrennt und auch nicht sofort zu unterscheiden. Gerade diese Besonderheit läßt die Figur Moise Trumpeter und den Mond immer stärker miteinander verschwimmen. Eine weitere erzählerische Besonderheit ist die Gestaltung der Zeitebenen in der Geschichte. Sie wird weitgehend im Präsens erzählt und nicht im Präteritum als eigentlichem Erzähltempus. Dadurch wird das Geschehen aus der Vergangenheit herausgelöst und dem Leser stärker vergegenwärtigt. Entsprechend finden sich als ergänzende Zeitebenen das Perfekt als vollendete Gegenwart bezogen auf die Erzählgegenwart (z. B. Z. 18, 22, 43, 47). Auf diesen Zeitpunkt bezogen gibt es an wenigen Stellen eine (für Trumpeter und "seine Leute" bedrohliche und düstere) Zukunft (Z. 64 u. 69), die für den Leser zur schrecklichen Gewißheit geworden ist.

Ort und Zeitpunkt der Handlung werden sozusagen in zwei Anläufen dargestellt. Einmal in zeitlicher und räumlicher Begrenztheit die Lebenswelt von Moise Trumpeter: Da ist der Ort ein leerer Laden mit einem "Stühlchen" als Sitzgelegenheit ohne künstliches Licht, nur vom Mondschein erleuchtet. Der Zeitpunkt liegt irgendwann nach Sonnenuntergang, wenn der Mond bereits scheint. Die Dauer der Handlung bleibt unbestimmt, dürfte aber eine Stunde nicht überschreiten.

Im zweiten Anlauf stellt der Erzähler die Ereignisse in dem Laden in einen größeren geographischen und auch zeitlichen Rahmen. Der Laden steht in einem nicht genannten Ort in Polen, und das Geschehen ereignet sich im September 1939, nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen.


1.4 Die Figuren

Moise Trumpeter ist die einzige Figur mit einem Inidividualnamen und einer deutlicheren Kontur (im Vergleich zu den anderen Figuren):

- Er ist ein "alter Jude" (Z. 27) mit "guten Augen" (Z. 24), mit denen er in die Menschen hineingehen kann, z. B. in den deutschen Soldaten.

-Er kann Deutsch (Z. 29).

-Moise Trumpeter ist arm, denn sein Laden ist klein und leer und hat nur ein einziges Stühlchen.

-Moise lebt allein, seine einzige Gesellschaft sind die Mäuse, der Mond und tagsüber die Sonne.

-Moise ist freundlich und höflich, er begegnet dem Deutschen menschlich und behandelt ihn als Gast und sieht in ihm weniger den Feind.

-Moise ist ein einfacher, bedürfnisloser Mensch, der dennoch zufrieden ist, z. B. mit dem Mäusefest als Unterhaltung.

-Moise lebt in einem engen und vertrauten Verhältnis zur Natur, Moise und Mond werden gleichgestellt, "die beiden Alten" (Z. 2 1).

-Er handelt anders als erwartet, der Mond bringt das zum Ausdruck.


Der Mond wird hauptsächlich durch den Wortwechsel mit Moise Trumpeter charakterisiert. Über sein Aussehen erfährt man nichts:

-Er ist ständiger Begleiter Trumpeters, kommt "immer", d. h. allabendlich.

-Er kann sprechen (Personifizierung).

-Er vertritt meist die Gegenposition zu Moise (Z. 9 f. u. 59-64).

-Er erinnert Moise an die wirkliche Bedeutung der Anwesenheit des Deutschen im Laden, bietet eine objektivere Sicht der Gefahr, die von ihm und seinen Landsleuten für die Juden ausgeht.


So kann man ihn als zweites Ich Trumpeters ansehen, als seine rationale, vernunftgeleitete Hälfte.


Der deutsche Soldat ist nur sehr knapp skizziert:

-Seine Jugend wird wiederholt betont: jung (Z. 24,), ein Schuljunge (Z. 25), der Junge (Z. 29), ein Milchbart (Z. 44).

-Er ist schweigsam.

-Er ist höflich (wartet in der Tür, bis er hereingebeten wird).

-Er begegnet Moise als Individuum, als Mensch, ist aber gleichzeitig Teil einer unzähligen Menge, die für Trumpeter und seine Glaubensgenossen ein tödliche Gefahr darstellt.


Die Mäuse

- werden als kleine, niedliche Hausgenossen geschildert und nicht als Schädlinge.

- Sie haben nichts Abstoßendes; Negatives an sich.

- Sie können das, was Moise und seinen Landsleuten nicht so einfach gelingt, nämlich davonlaufen und einfach verschwinden.


2 Stilmittel und sprachliche Gestaltung des Textes

Bobrowski erzählt knapp, eher skizzierend als ausmalend. Mit wenigen Worten umreißt er Personen, Dinge und Situationen: der Laden ist "klein" und "leer" (Z. 1 f.) - das Land ist "flach" und "sandig" (Z. 47) -"ganz polnisch" (Z. 47) - Moise ist "alt" - der Soldat ist "jung".

Die Mondschein-Idylle wird vor allem gleich zu Beginn des Textes durch die stille - friedliche Situation erzeugt, aber auch durch eine Reihe von Verkleinerungsformen: "Stühlchen" (Z. 1) -"Schwänzchen" (Z. 10) -"Körperchen" (Z. 11) -"Mäuschen" (Z. 18) -"Streckchen" (Z. 19).

Beim Übergang vom Kleinen (dem Laden) zum Großen (dem Land) wechselt der Erzähler die Personalform: Aus dem individualisierenden "er" (für Moise, den Mond, den Soldaten) wird das unpersönliche "man" (für die Unzahl an deutschen Soldaten). Bobrowski hat seinem Erzähler und seiner Hauptfigur eine Sprache gegeben, die einfach und klar ist. Die einfachen Sätze überwiegen gegenüber komplizierteren Satzgefügen. Erzähler- und Figurensprache sind eng verwandt. Letztere enthält umgangssprachliche, jiddisch gefärbte Elemente: "Herr Leitnantleben" (Z. 28) -"Wenn Se mechten ..." (Z. 28) - "Kommen Se man ..." (Z. 30) -"sin Se mal ..." (Z. 34). Erzähler und Hauptfigur drücken sich vorsichtig, einräumend, einschränkend aus: "wahrscheinlich" (Z. 2) - "vielleicht gar nicht" (Z. 5) - "schon eher" (Z. . 4) - "eigentlich" (Z. 25). Vermutend, sich gewissermaßen hineinversetzend gibt Moise die Gedanken seines Gegenübers (Mond und Soldat) wieder. Beschreibungen werden behutsam, schrittweise ergänzt: "Das Land heißt Polen. Es ist ganz flach und sandig" (Z. 41 f.) . ..... dieses Polen ist ganz polnisch (Z. 47). Die Tautologie kann dabei Ausdruck einer einfachen Sprache oder einer unverwechselbaren Eigenheit dieses Polens sein. Der Mond und der auktoriale Erzähler verwenden die Hochsprache, wobei der Übergang ins Umgangssprachliche fließend ist.

Bei den Stilmitteln fällt die Personifizierung der Natur auf (Sonne, Mond). Dadurch wird vor allem der Mond zu einem Lebensgenossen Trumpeters, mit dem er spricht, diskutiert, dem er widerspricht, der ihn ermahnt.

Ein durchgängig eingesetztes Stilmittel, das Bobrowski verwendet, ist die antithetisehe bzw. kontrastierende Darstellung: der Laden - das Land, drinnen - draußen, jung - alt, individuell - allgemein, einzeln - massenhaft, alltäglich /überzeitlich - konkret/historisch, immer dasselbe -jeden Tag anders, höfliches Verhalten des einzelnen Soldaten - brutaler Überfall der unzählig vielen.

Damit verbunden ist oft eine Wiederholung zur Bekräftigung des Gesagten: "immer, immer dasselbe". Ein Ende der Kontinuität wird durch einen Wechsel vom Wiederholen zum Vergleichen und einen Wechsel der Zeitadverbien angezeigt: aus "immer..." wird ein "genau wie vorher" (Z. 37 f.). Der Bezugspunkt für das "vorher" und "nachher" ist dabei das Auftreten des Deutschen, das alles verändert.

In anderer Weise kontrastierend wird der Krieg behandelt, wenn er als quasi touristisches Unternehmen dargestellt wird: "Nun kommt man also in der Welt herum" (Z. 44 ff.). Dies kontrastiert mit der Realität des Krieges, die der Leser aus seinem Wissen als Leerstelle ergänzt.


3 Zusammenfassende Interpretation

Johannes Bobrowski zeigt in seiner Kurzgeschichte, wie der Zweite Weltkrieg in das friedliche Leben eines alten polnischen Juden einbricht und alles verändert, für ihn und für das Land und seine Menschen. Am Schluß der Geschichte ist nichts mehr so, wie es anfangs war. Dabei schien das idyllische, beschauliche Leben des Moise Trumpeter und seiner Leute dauerhaften, ewigen Bestand zuhaben. Das wird wiederholt betont. Eher scheint sich der Mond von Tag zu Tag zu ändern als das Leben in dem kleinen, ärmlichen Laden irgendwo in Polen. Nichts scheint den alten Mann aus der Ruhe zu bringen: sein Alter nicht, seine Armut nicht, seine Einsamkeit nicht. Im Gegenteil, er und sein Freund, der Mond, erfreuen sich in bescheidener Zufriedenheit am possierlichen Spiel der Mäuse. Trompeter lebt mit der Natur in Einklang, ist mit ihr sozusagen auf Du und Du. Es wird eine Idylle beschrieben, fast ein arkadischer Zustand, in dem Mensch und Natur in harmonisch friedlichem Einklang leben Die große (Sonne und Mond) und die kleine (die Mäuschen) Welt, Makro- und Mikrokosmos sind hier vereint. Doch diese Situation ist von Anfang an bedroht, der Friede ist trügerisch, denn der Erzähler drückt sich nicht bestimmt, sondern nur vorsichtig, vermutend und einschränkend aus. Nur "wahrscheinlich" ist alles so, wie beschrieben.

Der weitere Verlauf der Geschichte bestätigt diese Annahme, denn der Krieg ist bereits im Land, "ist schon ein paar Tage alt" (Z. 41). Fast unbemerkt hat er nun auch Moise Trompeter in seinem kleinen Laden erreicht, denn ein deutscher Soldat steht plötzlich in der Tür. Er ist höflich, dringt nicht einfach ein, sondern wartet, bis er hereingebeten wird, bedankt sich für einen angebotenen Stuhl. Moise begegnet ihm freundlich und in seinen Augen wird aus dem fremden Soldaten ein junger Mensch, der vielleicht nicht einmal weiß, warum er in Polen ist, der zuhause eine Familie hat. Trumpeter behandelt ihn als Gast, der andere ist dankbar. Der alte Jude bietet dem jungen Deutschen das an, was er zu bieten hat: Seinen einzigen Stuhl. Und er lädt ihn ein, mit ihm das "Mäusefest" zu beobachten, "nichts Besonderes, aber auch nicht ganz alltäglich" (Z. 40). Die Idylle scheint noch einmal aufzuleben, denn die Mäuse, die beim Eintritt des Fremden sofort verschwunden waren, lassen sich noch einmal hervorlocken. Der "Junge" kann für eine kurze Zeit in diese friedliche Welt des Juden Trumpeter eingebunden werden. Die Begegnung von Mensch zu Mensch, des Juden mit dem Deutschen ist also möglich, aber - wie sich zeigt - nur im abgeschlossenen und abgeschiedenen Raum des ärmlichen, kleinen, mondbeschienenen Ladens.

Daß sich mit dem Eintritt des Deutschen etwas geändert hat, deutet der Erzähler bereits an, als er die wiederbelebte Idylle beschreibt: Es ist nicht mehr "wie immer, dasselbe", sondern nur noch "genau wie vorher" (Z. 36 u. 38). Doch jetzt, d. h. nachher, ist schon alles anderes geworden, und der Blick, den der Erzähler nun aus dem Laden hinaus ins Land richtet, zeigt dies. Es ist nicht nur ein einzelner Deutscher nach Polen gekommen, sondern "unzählig viele" (Z. 43), und die sind auch nicht "nach" Polen sondern "über" Polen gekommen. Der eine hier im Laden ist vielleicht "kein schlimmer" (Z. 63), denn hier ist er eingeladen worden und Gast, doch was mit den anderen ist, erfährt man erst später, in Andeutungen. Der heutige Leser weiß, was daraus geworden ist.

Als erster reagiert der Mond. Seit dem Eintreten des Deutschen war er nur noch stummer Begleiter gewesen, doch nun will er gehen, mit dem Fremden nichts zu tun haben, und Moise Trumpeter weiß auch, warum das so ist. Anstelle des Mondes geht aber der Deutsche, und damit ist das Mäusefest beendet und die Idylle endgültig zerstört. Es ist, als habe er einen magischen Raum verlassen, und wenn er wieder bei seiner Einheit ist, wird er nur noch Soldat sein - einer von unzählig vielen. Auch die Mäuse sind verschwunden, "sie können das" (Z. 58), meint der Erzähler. Unausgesprochen steht dahinter, daß die Menschen - Moise Trumpeter und "seine Leute" - das nicht können. Der Mond macht Trumpeter darauf aufmerksam: "du weißt doch was mit diesen Deutschen ist" (Z. 59) und "wie wird es mit deinen Leuten gehen" (Z. 64)? Mit dem Weggang des Soldaten scheint ein Bann gebrochen, der eine friedliche Idylle wie das Mäusefest ermöglichte. Zurück bleibt nicht nur eine veränderte Situation, sondern auch ein veränderter Moise Trumpeter. Die Farbe des Todes beherrscht jetzt die Szene, denn der Laden ist plötzlich "ganz weiß" (Z. 66). Mit jedem Wort und mit jedem Moment ändert sich auch Trumpeters Aussehen, er wird weiß wie die Wand, wird immer mehr "eins mit ihr" (Z. 67). Es ist, als weiche Stück für Stück jedes Leben aus dem alten Juden. Seine Zukunft scheint ihm zur Gewißheit geworden zu sein: "...ich werd Ärger kriegen mit meinem Gott" (Z. 69). Sei es, daß er Ärger mit seinem Gott bekommt wegen seines Verhaltens dem Feind gegenüber, sei es, daß er Ärger wegen seines Gottes, d. h. wegen seines Judentums bekommt, der Satz ist nicht eindeutig. Die Geschichte Polens und seiner Juden nach dem September 1939 legt die Lesart allerdings fest.

Insgesamt gesehen kann man im Handlungsverlauf eine Schwerpunktsverlagerung erkennen, durch welche sich die Bedrohung durch den Krieg immer deutlicher abzeichnet. Es ist vor allem eine Verlagerung von innen nach außen. Einmal wird die Aufmerksamkeit des Lesers rein räumlich vom geschlossenen Raum des Ladens nach außen, in das Land Polen gelenkt, wo der Krieg ja schon begonnen hat. Dabei verlagert sich der Betrachtungsschwerpunkt auch vom subjektiv Individuellen zum objektiv Allgemeinen. Die Wirkung des Ereignisses "Krieg" wird auch an Moise Trompeter immer deutlicher, seine Angst dringt unübersehbar nach außen, am deutlichsten erkennbar im Schlußbild der Erzählung, als Moise weiß wie die Wand geworden ist.